Gender-Kacke in Schule und Alltag

  • Dazu hatte ich gestern einen interessanten Artikel gelesen:

    https://www.tagesspiegel.de/ku…h-schlimmer/26140402.html


    Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, wo ich meine Position verorte, aber ich finde diese Sichtweise sehr nachdenkenswert #gruebel

    Der Unterschied zum Englischen ist doch folgender: Es heißt 'the actress' und soweit ich weiß, kann der nächste Satz bei einer Frau dann problemlos mit 'She ...' fortgesetzt werden. Im Deutschen ist der Artikel nicht geschlechtsneutral, es heißt 'der Schauspieler'. Wenn ich sage 'Der Schauspieler stand auf. Sie machte sich einen Tee.' hört sich das im Deutschen nicht richtig an.

  • Aber zumindest bei den sächlichen Artikeln geht das gut und fällt i.A. leider nicht auf:

    „Das Kind ergatterte den Ball. Dann schoss sie ein Tor.“

    Zumindest hier im Forum wird bei weiteren Antworten dann oft von „dein Sohn“ gesprochen.

  • Der Unterschied zum Englischen ist doch folgender: Es heißt 'the actress' und soweit ich weiß, kann der nächste Satz bei einer Frau dann problemlos mit 'She ...' fortgesetzt werden. Im Deutschen ist der Artikel nicht geschlechtsneutral, es heißt 'der Schauspieler'. Wenn ich sage 'Der Schauspieler stand auf. Sie machte sich einen Tee.' hört sich das im Deutschen nicht richtig an.


    Actress ist schwierig weil da ja auch im Englischen zwischen actor/actress unterschieden wird. Da kann man auch nicht sagen "the actress... he". Aber bei vielen Berufsbezeichnungen stimmt das. Aber es ist im Englischen auch nicht immer so einfach. Also wenn z.B. theoretisch über die Rechte von Regierungen geschrieben wird: The prime minister has the right to (whatever) but his/her/their powers are limited by (blablabla) dann muss da auch ein Pronomen hin. Da gibt es dann auch Leute, die schreiben immer he und welche die wechseln ab zwischen he und she und manche schreiben s/he und wieder andere they. Das they als Singularpronomen setzt sich nach meiner Beobachtung immer weiter durch und ist die gebräuchlichste Variante für "Gender der Person unbestimmt/egal". Das geht auf deutsch aber wieder nur schwer weil they-sie und she-sie, das erkennt man dann nicht gut und ein alternatives Pronomen, dass sich da durchgesetzt hat, kenn ich noch nicht.

  • Es heißt 'the actress' und soweit ich weiß, kann der nächste Satz bei einer Frau dann problemlos mit 'She ...' fortgesetzt werden. Im Deutschen ist der Artikel nicht geschlechtsneutral, es heißt 'der Schauspieler'. Wenn ich sage 'Der Schauspieler stand auf. Sie machte sich einen Tee.' hört sich das im Deutschen nicht richtig an.

    Actress ist immer weiblich, so wie actor männlich ist. Wo dein Beispiel besser klappt ist bei "The Baby started walking - she was so quick on her feet". Ich kenne es auch aus vielen Erziehungsratgebern, dass Geschlecht einfach staendig hin und her wechselt von she zu he, und zurueck in den verschiednen Beispielen. Das fiel mir anfangs auch stark auf, mittlerweile habe ich es verinnerlicht. Aber es spricht eben doch auch dafuer, dass es da innere Grenzen gibt.


    Ich spreche gerne von Kindern anstelle von Mädchen und Jungen. in den allermeisten Fällen ist diese Klassifizierung unnötig.

    „Das Kind ergatterte den Ball. Dann schoss sie ein Tor.“

    Waere das nicht "dann schoss es ein Tor"?

    Nothing is permanent.

    Everything is subject to change.

    Being is always becoming.

  • Nach den „alten“ grammatikalischen Regeln ja.

    Aber wenn man eine Geschichte von einem Individuum schreibt/erzählt, dann kann man es auch mit dem richtigen Pronomen benennen, zumindest so lange es kein wirklich neutrales Pronomen wie they gibt.

    Sprache verändert sich und die Grammatik folgt (manchmal leider, wenn man z.B. an als/wie denkt oder das selbe/gleiche).

    Also bin ich für die Revolution von unten #super und benenne das Kind nicht als Sache, sondern als Mensch. Mädchen übrigens auch.

  • Wir bewegen uns ja gerade mal beim Mädchen in die Richtung, dass aus dem "es" langsam ein "sie" wird.

    Laut Duden wird aus dem "es" erst ein "sie", wenn das Pronom weiter vom Mädchen entfernt steht.

    Also: "Das Mädchen ergatterte den Ball. Dann schoss es ein Tor. "
    Oder: "Das Mädchen ergatterte den Ball und dribbelte mehrere Gegner aus. Die gegnerischen Spieler gaben alles, waren jedoch ebenso wie der Torwart chancenlos. Sie schoss das Tor."


    Im Sprachgebrauch ändert sich das allerdings langsam und immer mehr Schreibende machen das Mädchen zur sie, sodass es vermutlich auch in näherer Zukunft im Duden geändert werden dürfte.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • Sorry, ich habe mich verschrieben. Ich wollte 'the actor' schreiben und dass man danach eben problemlos mit 'she' fortsetzen kann. Während man bei 'der Schauspieler' nicht mit 'sie' fortsetzen kann.

  • Nach den „alten“ grammatikalischen Regeln ja.

    Aber wenn man eine Geschichte von einem Individuum schreibt/erzählt, dann kann man es auch mit dem richtigen Pronomen benennen, zumindest so lange es kein wirklich neutrales Pronomen wie they gibt.

    Sprache verändert sich und die Grammatik folgt (manchmal leider, wenn man z.B. an als/wie denkt oder das selbe/gleiche).

    Also bin ich für die Revolution von unten #super und benenne das Kind nicht als Sache, sondern als Mensch. Mädchen übrigens auch.

    Danke dir :-) Das verstehe ich.


    Ist ein wenig, wenn ich meinen Nichten und Neffen zuhoere, und dort in der Hälfte der Sätze die Verben fehlen. Oder Akkusativierung, die man ueberall hört.

    Im Sprachgebrauch ändert sich das allerdings langsam und immer mehr Schreibende machen das Mädchen zur sie, sodass es vermutlich auch in näherer Zukunft im Duden geändert werden dürfte.

    Cool! Das wird meine Kids und Mann freuen! Mir war das echt nicht klar - ich war einfach zu lange auch aus Deutschland weg.

    Nothing is permanent.

    Everything is subject to change.

    Being is always becoming.

  • "Das Mädchen ergatterte den Ball und dribbelte mehrere Gegner aus. Die gegnerischen Spieler gaben alles, waren jedoch ebenso wie der Torwart chancenlos. Sie schoss das Tor."

    Hatte ich das nicht so geschrieben #gruebel jedenfalls hatte ich das so vor meinem geistigen Auge #nägel


    Ich glaube, Du bist in Deinem Beruf ganz richtig #love


    Sorry für OT #heilig

  • Mir fällt das auch immer wieder auf, wie ausgeprägt es (=das Mädchen) in älteren Büchern ist. Also z.B. in den Heidi-Büchern ist es ja "das Heidi" (weil Verkleinerungsform) und dann auch durchgängig "es" und "seine". "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat". Heute richtet sich das viel mehr nach dem tatsächlichen statt dem grammatikalischen Geschlecht. (Ob das immer gut ist oder nur das Geschlecht mehr betont, weiß ich allerdings auch nicht.)

  • Ich glaube, Du bist in Deinem Beruf ganz richtig #love

    Das ist gar nicht so OT.

    Ich grübel ständig über solche Gender-Formulierungen.


    Manchmal ist es recht leicht.

    "Die ersten Studenten gehen in den Hörsaal." - da kann man je nach Perspektive Studentinnen und Studenten oder Studierenden schreiben. Ist eine Sache der Gewöhnung.
    "Es näherten sich Krieger auf schwer gepanzerten Pferden." Schon schwieriger. Kriegerinnen und Krieger? Kann sie auf die Entfernung eigentlich nicht sehen. Und liest sich dann spätestens im Folgetext, wenn Besagte noch mal erwähnt werden, einfach scheußlich. "Es näherte sich ein Trupp auf schwer gepanzerten Pferden. Von Weitem erkannten wir die Waffen in den Händen der ..." Fuck.

    Manchmal findet sich eine Lösung, manchmal bringt sie den gesamten Text ins Stocken. Das ist bei Artikeln, Essays und Sachtexten wirklich einfacher.


    Leicht OT: Anti-Rasistische Sprache (oder sagen wir eher: Sprache, die nicht als rassistisch empfunden werden kann), ist noch schwieriger.

    Mein Genre erfordert Beschreibung der wichtigen Personen. Hauttöne von People of Color zu beschreiben aus Perspektive einer Figur, die nicht zufällig Makeup-Farbberater:in ist, ist (mir) aber quasi nicht mehr möglich. Sämtliche griffigen Assoziationen und Vergleiche (Hauttöne über Dinge zu bezeichnen, die man essen kann: Schokolade, Karamell, Honig) werden von einigen PoC als rassistisch ablehnt. Andere, die ein Bild erzeugen, gibt es aber nicht oder sie sind total weit hergeholt oder unbekannt. Oder sie klingen mistig.

    Und Brauntöne in Hell-, Dunkel- oder Mittel- aufzuteilen ist nun mal einfach schlecht und passt eben oft auch nicht in den Kontext. Ich kann jemanden nicht verliebt schwärmen lassen und dann mit "Ihre Haut war braun" kommen. #hammer

    Das schränkt schon deutlich ein. (Zumal das ja kein Konsens ist und andere PoC deutlich verlangen: "Lasst mir bloß meine kaffeefarbene Haut!" Das interessiert jene (Weiße) auf der Suche nach Kritikpunkten aber nicht - die plärren dann laut "Voll von Rassismus!"


    Aber das ist nun wirklich OT, zählt nur noch mit zu den Schwierigkeiten der bewussten Sprache.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • Ich grübel ständig über solche Gender-Formulierungen.

    Und manchmal fehlt schlicht die Information, ob es ausschliesslich männliche Wesen sind oder eine gemischte Gruppe!


    Mir ist es erst einmal passiert, da konnte ich nachfragen, aber ich mach es ja auch nicht beruflich. Drum bin ich auf deine Strategie gespannt: Was machst du dann?

  • Ich grübel ständig über solche Gender-Formulierungen.

    Und manchmal fehlt schlicht die Information, ob es ausschliesslich männliche Wesen sind oder eine gemischte Gruppe!


    Mir ist es erst einmal passiert, da konnte ich nachfragen, aber ich mach es ja auch nicht beruflich. Drum bin ich auf deine Strategie gespannt: Was machst du dann?


    Genau.
    Unbekannte, die etwas geklaut haben aus der Perspektive der Bestohlenen. Oder Menschen, die einen anderen entführen. Räuber, Gangster, Verbrecher ... es gibt Figuren, die sagen dann "der Räuber oder die Räuberin" - aber das sagt dann sehr viel über die Figur und kann daher nicht für jeden genutzt werden. Besonders nett, wenn sie eigentliche Sprache der Figur dann noch Englisch ist und sie das daher nie so sagen würde #yoga

    Es gibt einige solcher Beispiele, da gibt es kaum Raum, um diese Fallstricke zu umschiffen, weil es ja auch noch authentisch klingen soll.

    Ich hab da noch keine gute Lösung, aber ich überlege immer wieder und lass es dann oft mit einem eher unbefriedigendem Gefühl stehen.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • Ja, das dahinterstehende Problem ist ja, dass ein Großteil der weißen Lesenden, grundsätzlich erstmal annimmt eine Figur sei weiß, wenn nicht ganz explizit gesagt wird, dass sie es nicht ist. Und weil das so komisch ist, das so anlasslos zu sagen, wird es nur bei denen explizit erwähnt, bei denen es in der Geschichte gute Gründe geht. (Weil sich das Buch um Migration dreht, oder um Rassismus.) Dabei wäre es eigentlich so wichtig, dass auch in anderen Büchern nicht-weiße Charaktere mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vorkommen. Also ohne, dass es ein Thema der Geschichte ist, nur weil halt recht wahrscheinlich ist, dass bei einer Geschichte, die in Deutschland spielt, auch ein Kommissar vorkommt, dessen Großeltern aus der Türkei eingewandert sind und eine Gynäkologin mit einem schwarzen Vater.


    Manchmal geht das über (klischeehaften) Namensgebung. Eine Aminata Bangoura ist halt eher nicht weiß...


    Neulich habe ich ein Buch gelesen, da ist eine der Hauptfiguren auf Seite fünf (oder so) beim Friseur, neue Zöpfchen machen lassen. Das war sonst für das Buch relativ egal, da habe ich mich schon gefragt ob die Autorin das eingefügt hat, um irgendwie klar zu stellen, dass die Person schwarz ist. Ich habe ein paar Bücher von Dorothy Koomson gelesen (die sind eher so in der Beziehungsecke angelegt, Rassismus ist da eigentlich nicht unbedingt Thema), die schafft es auch oft, schwarze Hauptfiguren mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zu schreiben.

  • Ja, das dahinterstehende Problem ist ja, dass ein Großteil der weißen Lesenden, grundsätzlich erstmal annimmt eine Figur sei weiß, wenn nicht ganz explizit gesagt wird, dass sie es nicht ist. Und weil das so komisch ist, das so anlasslos zu sagen, wird es nur bei denen explizit erwähnt, bei denen es in der Geschichte gute Gründe geht. (Weil sich das Buch um Migration dreht, oder um Rassismus.) Dabei wäre es eigentlich so wichtig, dass auch in anderen Büchern nicht-weiße Charaktere mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vorkommen. Also ohne, dass es ein Thema der Geschichte ist, nur weil halt recht wahrscheinlich ist, dass bei einer Geschichte, die in Deutschland spielt, auch ein Kommissar vorkommt, dessen Großeltern aus der Türkei eingewandert sind und eine Gynäkologin mit einem schwarzen Vater.

    Genau.

    Vielleicht kommen wir irgendwann zu dem Punkt, an dem es reicht, einen diversen Cast aufzustellen und die Leser:innen sehen von sich aus verschiedene Hautfarben und Körperformen.

    Aber bis das der Fall ist, muss man ihnen das halt zeigen. Schwierige Sache, wenn man da sprachlich eingeschränkt wird, das wird hölzern.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • Es ist wohl ausverkauft....

    Nona mit großer (03) und und kleiner (05) Tochter und kleinem Sohn (2008 )

  • Wahrscheinlich lauter Raben#freu

    And we're still here
    All together and all alone
    Consumed with fear
    That one day we'll discover
    How empty we've become

  • Vor längerer Zeit hatten wir hier im Strang eine Diskussion zum Thema Sprache und Gender.

    Nun habe ich heute einen Artikel gelesen, der noch einmal zur Sprache bringt, was mich bei diesem Thema auch beschäftigt (hat).


    "Ich habe mich mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt, dass es sich dabei aber um ein logisches Problem des Genderns handelt, wurde mir erst klar, als ich in England promovierte und dort einen anderen Feminismus kennenlernte. Das erste Mal fiel es mir auf, als ein Professor mich fragte, ob wir in Deutschland Angela Merkel wirklich als „BundeskanzlerIN“ bezeichnen und ob denn die deutschen Feministen nichts dagegen täten.

    Wer wie ich in Deutschland und mit dem deutschen Feminismus sozialisiert wurde, der muss diese Feststellung befremdlich finden. Das Durchsetzen „geschlechtergerechter“ Sprache scheint hierzulande manchmal als die eigentliche Kernaufgabe des Feminismus. Zumindest verzeichnet der moderne deutsche Feminismus hier seine größten Erfolge: Mag sein, dass die Gender-Pay-Gap seit 25 Jahren ziemlich konstant bei rund 20 Prozent liegt – Deutschland ist Europavizemeister im Frauen-schlechter-bezahlen, nur Estland ist schlimmer. Immerhin wird im sächsischen Justizministerium jetzt gegendert.


    Was der Professor meinte, war schlichtweg dies: Tun die deutschen Feministen denn nichts dagegen, dass es unterschiedliche Wortformen für Männer und Frauen gibt, dass also Männer und Frauen sprachlich unterschiedlich behandelt werden? Damals erklärte ich dem Professor, dass es um Sichtbarmachung geht. Dass viele Menschen, wenn sie Berufsbezeichnungen hören, das Bild eines Mannes im Kopf haben und dass wir in Deutschland weibliche Wortformen verwenden – gerade auch in Stellenausschreibungen oder offiziellen Texten – um zu verdeutlichen, dass der Beruf auch von Frauen ausgeübt wird.

    Es gibt bei dieser Erklärung nur ein Problem: Die Standardvorstellung der meisten Berufsbezeichnungen ist nicht nur die eines Mannes, sondern die eines weißen, christlichen, heterosexuellen Mannes...


    Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig, dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen, wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur wichtigsten Identitätskategorie.


    Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schriftsteller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese Information darf niemals nicht gesagt werden.

    Ein türkischer, ein behinderter, ein schwuler Autor, Lehrer oder Immobilienmakler kann manchmal auch einfach nur ein Mensch sein, der Bücher schreibt, Kinder ausbildet oder schimmeligen Baumarktstuck als Liebhaberstück verkauft. Nur eine Frau wird das Frausein niemals los. Und wenn sie sich doch mal als Schriftsteller bezeichnet, erinnert sie ein Kollege. Er erinnert sie daran, dass sie aufgrund ihres Geschlechts niemals Schriftsteller sein kann, sondern immer nur Schriftstellerin, eine Ableitung, eine Form, die eine Grundform braucht, um überhaupt existieren zu können.


    Wenn es mich nicht gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen Deutschland von Genitalien ist. Denn mit wenigen Ausnahmen geht es beim Gendern um Genitalien, nicht notwendigerweise um die, die wir sehen, aber um die, von denen wir denken, dass sie da sind. Ginge es um Geschlechteridentitäten jenseits physischer Merkmale, könnten wir nicht einfach drauf losgendern, sondern müssten erst mal ein Geschlecht erfragen. Wer aber nicht explizit als trans Person gelesen wird, der wird nicht gefragt, sondern gegendert.

    Bei Telefoninterviews, bei denen mich der andere nicht sieht, werde ich gegendert, nicht weil meine Stimme performativ weiblich ist, sondern weil sie sich biologisch weiblich anhört. Auch im Anzug, auch ungeschminkt, auch mit Glatze wurde ich gegendert, denn es geht primär um das imaginierte Geschlecht im biologischen Sinne, also um Geschlechtsteile.


    Wer aus meinem „Schriftsteller“ ein „Schriftstellerin“ macht, kann auch gleich „Vagina“!" rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber. Dass das deutsche Gendern britische Feministen befremdet, ist nicht überraschend. Denn während britische Nachrichten von Theresa May oder Margaret Thatcher einfach nur als ungeschlechtlichen Prime Minister sprachen, sind die Deutschen gezwungen, immer wenn wir von Dr. Merkel sprechen, auch auf die Form der regierenden Genitalien hinzuweisen.


    Der einzige Weg heraus aus dem sprachlichen Dauerfrausein ist das Ausland, für mich war es Großbritannien. Denn der britische Feminismus hat auf das Problem der weiblichen Berufsbezeichnung das Gegenextrem gewählt. Der englische Gedanke ist schlichtweg dieser: Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.


    Zu dem Zeitpunkt, als deutsche Zeitschriften, vor allem die eher links-progressiven, anfingen, anstatt von „Schauspielern“ von „Schauspielern und Schauspielerinnen“, Schauspielenden, SchauspielerInnen, Schauspieler_innen und Schauspieler*innen zu schreiben, beschloss der „Guardian“ – die englische Zeitung der feministischen Linken – nur noch das Wort „Actor“ zuzulassen und „Actress“ zu streichen.


    In ihren Stilrichtlinien erklären sie bis heute, sowie es viele andere Publikationen tun, dass „actress“ genau wie authoress, comedienne, manageress, lady doctor, male nurse und ähnliche Termini aus einer Zeit kommen, in der Berufe größtenteils einem einzigen Geschlecht offenstanden (meistens dem männlichen). Und dass diese gegenderten Berufsbezeichnungen heute, wo die Berufe allen Geschlechtern offenstehen, nicht mehr verwendet werden sollten.


    Um es anders zu sagen: Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzeigen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden. Dafür haben sie mit typisch britischer Pragmatik, die Form gewählt, die ihre Sprache sowieso als generisch hergibt. Diese Form ist im Englischen, genau wie im Deutschen, identisch mit der männlichen Form, im Deutschen wird sie durchaus kritisch als „generisches Maskulinum“ bezeichnet.


    Die scheinbare sprachliche Maskulinität von generischen Berufsbezeichnungen wirft ein Henne-Ei-Problem auf: Sind die Berufsbezeichnungen inhärent männlich und brauchen daher eine parallele weibliche Form, oder sind sie inhärent generisch und wirken nur deswegen männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften?


    Aus englischer Perspektive ist Letzteres der Fall. Das Wort "Prime Minister" bezeichnet de facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Das Wort war nicht deshalb männlich, weil es sprachlich männlich ist, sondern weil es in der Realität männlich war.


    Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen, obwohl "Prime Ministress" durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1928 und spätestens ab 1979, als Margaret Thatcher Premier wurde, wurde das Wort "Prime Minister" faktisch generisch, konnte Männer und Frauen bezeichnen und wird mit jedem weiblichen PM immer generischer, wobei zur vollen Gleichheit noch einige Dutzend weibliche "Prime Ministers" fehlen."


  • Der Rest:


    "Genauso wie das Wort "US-President" für die ersten Jahrhunderte der amerikanischen Geschichte per Gesetz nur Weiße bezeichnen konnte und faktisch bis 2008 nur weiße Männer bezeichnet hat. Die Realität, also Barack Obama, hat die Sprache verändert.

    Obama hat die Bedeutung des Wortes "US-President" um seine eigene Identität erweitert. Konkret bedeutet Obamas Präsidentschaft, dass es Jugendliche gibt, die beim Wort Präsident zuerst an einen schwarzen Mann denken, weil der Präsident, mit dem sie aufwuchsen, eben schwarz war. Genau wie es bis heute Menschen gibt, deren erste Assoziation, wenn sie "Prime Minister" hören, eine Frau ist, einfach weil diese Frau, Margaret Thatcher, sich während ihrer elf Jahre als Premier in das kollektive Gedächtnis einbrannte wie kein anderer Premier der Nachkriegszeit.


    Hätte Deutschland den angelsächsischen Weg der Geschlechtergerechtigkeit eingeschlagen, dann gäbe es im Jahr 2020 sechsjährige Kinder, für die das Wort Bundeskanzler in erster Assoziation ein weibliches ist, weil sie es noch niemals erlebt haben, dass ein Mann Bundeskanzler ist. Durch die Verwendung der beiden unterschiedlichen Wörter „Bundeskanzler“ und „Bundeskanzlerin“ haben wir uns um diesen Sprachwandel gebracht.

    Und das, obwohl wir durchaus an die Möglichkeit solchen Wandels glauben, weil wir sie an anderer Stelle mit dem Ziel der größeren Gerechtigkeit bereits erfolgreich eingesetzt haben. Als die Engländer aufhörten, einen sprachlichen Unterschied zwischen actor und actress zu machen, hörten die Deutschen auf, zwischen „Frau“ und „Fräulein“ zu unterscheiden.

    Anstatt unverheiratete weibliche Menschen als „Fräulein“ und nur verheiratete weibliche Menschen als „Frau“ zu bezeichnen, wurde es üblich, alle weiblichen Menschen als „Frau“ zu bezeichnen. Auch hier hätte man argumentieren können, dass dies die verheiratete Frau zum Standard macht und die unverheiratete diskriminiert.


    Knapp fünfzig Jahre später wissen wir, dass das Gegenteil passiert ist: Indem wir das Wort Frau unabhängig vom Ehestatus einsetzen, haben wir es ziemlich erfolgreich von der Bedeutungsebene „verheiratet“ getrennt. Unverheiratete Frauen gibt es trotzdem, und die werden meistens überhaupt nicht gerne als Fräulein bezeichnet. Natürlich gibt es Argumente gegen das generische Maskulinum. Das generische Maskulinum ist historisch männlich, diese Geschichte der Sprache kann man nicht ändern. Genauso, wie man nicht ändern kann, dass Frauen, bis 1918 nicht wählen durften. Aber man kann Bedeutungen verschieben.


    In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnten aus „Fräuleins“ „Frauen“ wurden, können aus Frauen noch immer Menschen werden. Menschen, die Bücher schreiben, wir nennen sie dann Schriftsteller, Menschen die regieren, wir nennen sie dann Bundeskanzler, Menschen, die zu Gast sind, wir nennen sie dann Gäste. In dieser Welt würde ich sehr gerne leben.“


    https://www.tagesspiegel.de/ku…EdHnufFgLMDOT5Ln-l8vC9HPE