Wie ist das mit Voijta und Bobath?

  • Hallo ihr schlauen Raben,


    ich bin ja inzwischen leider auch bei FB angekommen und dort in einigen AP-Gruppen. Dort kommt immer mal wieder das Thema Krankengymnastik nach Voijta (worüber ich ehrlichgesagt bis jetzt nur extreme Horrorstories gelesen habe) und Bobath (soll nicht ganz so schlimm sein wie Voijta) für so kleine Babies, die mit wenigen Monaten schon mit groben Griffen behandelt werden, da ihnen eine Entwicklungsverzögerung attestiert wird.
    Irgendwie scheint mir das alles total pervers, wenn ich daran denke, dass so kleine Kinder so fest gepackt werden und an ihnen gezogen und gezerrt wird, dass sie nur noch am schreien und kreischen sind...
    Aber ich habe leider keine Ahnung davon, klärt mich bitte auf.
    Kann ein so kleines Kind schon so entwicklungsverzögert sein, dass es einer solchen (provokant gesagt) Folter unterzogen werden muss, oder kann man nicht einfach auch noch etwas warten und sagen, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat?
    Ist das wirklich notwendig, solche Methoden anzuwenden, oder würde das auch sanfter gehen?


    Ich bin verwirrt und weiß es ehrlichgesagt nicht, da dieser Kelch GsD an uns vorbeigegangen ist.

    ...und Punkte sind doch Rudeltiere...



  • Meine Tochter bekam mal eine Zeit lang Therapien nach Vojta und nach Bobath, bei zwei unterschiedlichen Therapeutinnen. Zuerst Vojta im Alter zwischen 18 und 20 Monaten und danach Bobath im Alter von 18 bis 30 Monaten.
    Rückblickend kann ich sagen, dass Bobath besser für meine Tochter war. Bei anderen Kindern kann das Ergebnis allerdings auch ganz anders sein.


    Die Vojta-Therapeutin meinte mal, dass sich Vojta eben besser für Babys eignet und wenn ich das so Revue passieren lasse, was mit meiner Tochter (zu dem Zeitpunkt ca. 18 Monate alt) los war, dann glaube ich das glatt. Ich denke, meine Maus war da schon zu alt für Vojta und hat entsprechend negativ darauf reagiert, so festgehalten und eingeengt zu werden.
    Mit Bobath blühte sie dann auf, auf dieses Therapiekonzept sprach sie total gut an. Anfangs sperrte sie sich noch dagegen, aber ich denke, dass das nur die "Angst" war, es würde auf sie erneut etwas wie die alte Therapie zukommen.


    Bei uns lag der Fall so, dass es tatsächlich höchste Zeit für eine Therapie war. Sie lief einfach nicht. Sie lief nur auf Knien, nicht auf den Füßen. Unser Kinderarzt machte da keinen Stress, sagte eben dass es laaange Zeitfenster gäbe, sie noch viel zeit hätte. Sie würde das Laufen auf den Füßen noch für sich entdecken. Doch die Zeit verging und nichts passierte. Als sie aber mit 17 Monaten noch immer nicht lief, stellte er uns ein Ergo-Rezept aus.
    Die Vojta-Therapie schlug nicht an, wirkte sich nur traumatisierend auf unsere Maus aus. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl dabei, ging da nur mit einem sehr mulmigen Gefühl hin, gerade weil sie öfter da war und es keine schnelle Lösung gab. Da überwies uns der KiA ins SPZ. Dort nahmen wir die Bobath-Therapie auf, weil dort festgestellt wurde, dass sie eine "sensorische Wahnehmungsstörung des Vestibulärsystems" hat.


    Unser Fazit: Auch wenn ich es prinzipiell sehr gut finde, erst einmal abzuwarten, die individuelle Entwicklung anzuschauen und nicht immer alles in Zahlen und Schablonen pressen zu wollen und jede verspätete Entwicklung als "therapiebedürftig" abzustempeln, so gibt es eben doch Fälle, in denen es notwendig ist, etwas darüber hinausgehendes zu tun. Bei uns war es so.



    LG,
    Anne

    "Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben" ~ Johann Wolfgang von Goethe

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  • Wir haben die Voijtabehandlung unseres Babys abgebrochen. Ich konnte nicht hinter dem Konzept stehen - vielleicht hatten wir auch die falsche Therapeutin. Wir haben mit Bobath weitergemacht. Ich kenne aber sehr viele Eltern, die Voijta sehr gut finden.


    Was mich stört: viele Therapeuten umd auch Eltern bauen einen großen Druck auf, dass nur Voijta wirklich hilft und man deshalb da "durch muss". Und das ist einfach nicht wahr. Voijta kann bestimmt gut sein, wenn der Therapeut stimmt und es zum Kind/zur Indikation passt, aber es ist nicht alternativlos.
    Und soweit ich weiß gibt es weder zu Bobath noch zu Voijta einen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit. (lasse mich dazu aber gern eines Besseren belehren).

    Grüße von Qu 57.gif



    „Power to the peaceful“

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  • hm, ich habe vor kurzem bei einer vojta-therapie bei einem säugling (etwa 5 monate) zuschauen dürfen. und ich habe mich auch gefragt, ob sich die (vorhandene?) entwicklungsverzögerung nicht von selbst rauswachsen würde. die therapeutin hat mir erklärt, dass vojta ziemlich strenge entwicklungschritte vorgibt, wann ein kind was können sollte. im bobath-konzept wurden diese meilensteine der entwicklung was den zeitlichen rahmen betrifft deutlich ausgeweitet - das erscheint mir sinnvoller.


    edit: maulino ist übrigens bis 18 monate auch nur auf den knien "gegangen".

    lieben gruß von mauli mit maulino (2/12)


    ... mal da, mal dort, mal hier, mal fort ...

    Einmal editiert, zuletzt von mauli ()

  • edit: maulino ist übrigens bis 18 monate auch nur auf den knien "gegangen".

    Und jetzt die Gretchenfrage: Hat er das von alleine umstellen können? ^^


    LG,
    Anne

    "Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben" ~ Johann Wolfgang von Goethe

  • OT: Mein Sohn ist bis 16 Monate nicht frei gelaufen (festhaltend stehen schon, aber eben nicht loslaufen)
    Die Kinderärztin wurde auch nervös und hat uns ein Zeitlimit gesetzt, das ich nach b estem Wissen und Gewissen ignoriert habe, denn:
    Ich könnte wirklich sehen, daß die Entwicklungsschritte, die der Reihenfolge nach dran sind, da waren.
    Mein Kind hat sich absolut normal, aber eben später entwickelt.
    Mit 16 Monaten ist er dann eines Tages losgelaufen, als wenn nichts wäre.


    Hätte ich an irgendeiner anderen Stelle der Entwicklung zusätzliche Verzögerungen bemerkt, hätte ich es sicherlich abklären lassen, wie es die Kinderärztin wollte.

  • Mein Großer und mein Kleiner hatten leider Probleme mit der Wirbelsäule. Unsere Osteopathin hat dann Voijta und Bobath verordnet. Meine Kinder haben es mit Freude mitgemacht, es war keine Quälerei. Allerdings haben wir auch zwei Therapeuten versucht. Am Ende haben wir eine ganz liebe Therapeutin gefunden, die es toll macht. Unsere Kinder lieben sie, die Chemie stimmt und ihre Therapie klappt umso besser.

    Sternenkind 11/2004 #kerze
    Junge 10/2010 #herz
    Junge 8/2013 #herz
    Sternenkind 9/2015 #kerze

  • Hallo,


    meine große Tochter war bereits im frühen Babyalter sichtbar schwerst entwicklungsgestört. Das haben Neuropädiater und die Physiotherapeutin gesehen, wir noch nicht. Im Nachhinein ist klar, dass man es schon hätte sehen können, aber als Eltern einfach noch nicht kann. Wir haben es mit ca. 9-10 Monaten kapiert. Wir hatten am Anfang kein Vojta, weil unsere Tochter sich nicht hat in die Ausgangspositionen bringen lassen. Wir waren zwar bei einer Vojta-Therapeutin, die aber nur mit Sensorischer Integration, Castillo Morales und Teilen von Bobath gearbeitet hat. Erst mit 18 Monaten begannen wir in der Reha mit Vojta, und zwar immer nur so weit, wie sie es toleriert hat. Wenn sie sich beschwert hat, haben wir es mit Motivation versucht, und auch oft Erfolg gehabt. Wenn nicht, haben wir und auch die Therapeutin in der Reha und später auch zuhause die Übungen abgebrochen. So haben wir viele Jahre eine Kombination aus Vojta, Bobath und Castillo Morales gemacht.
    Wir können sicher sagen, dass Vojta den besten Erfolg im Finden der Mitte, Beginn der Kopfhaltung und Stabilität im Rumpf hatte. Da war die 1,5 Jahre vorher wenig passiert. Wir hatten auch oft den Eindruck, dass es ihr gut tut, sich so deutlich zu spüren, wenn die Bewegungen ausgelöst wurden. Wir haben auch 3x am Tag mit ihr geturnt.
    Aber im Verlauf der Jahre hat es nicht mehr viel gebracht, wobei es für die Atmung oft wichtig war, aber mit zunehmender Länge + Spastik waren die meisten Übungen einfach nicht mehr möglich, sodass sie jetzt weiter nach Bobath und Castillo Morales behandelt wird.


    Ich finde Vojta gut, wenn man es nicht auf Biegen und Brechen durchzieht und Alternativen hat, auf die man sofort wechseln kann. Bei unserer Tochter, die nicht nur körperlich schwerst behindert ist, sondern auch geistig, ist es extrem wichtig, dass sie sich auf uns und ihre anderen Betreuer verlassen kann. Wenn sie sich beschwert, hören wir auf. So hat sie mit allen dummen Sachen gelernt, dass man sie durchaus mal probieren kann, denn wir retten sie ja wieder (Therapiestuhl, Stehständer, Orthesen, usw.).


    LG
    Nellie

  • Danke für Euren zahlreichen Antworten. Es kursiert da ja so ein gruseliges Video im Netz, der die Therapieform Voijta als reine Folter darstellt. Umso beruhigter lese ich hier, dass es auch anders gehen kann.


    Ich hatte nur letztens auch beim bösen Gesichtsbuch einen Beitrag gelesen, dass eine Mama ihr Kind nach vier Monaten schon so behandeln lies, da diesem Kind da schon eine Entwicklungsverzögerung attestiert wurde. Allerdings hat dieses Kind dann nach der Therapie wohl Entwicklungssprünge gemacht, wie ein motorischer Frühstarter (Laufen mit 10 Monaten usw.) und das passt für mich halt nciht so zusammen, bzw. erscheint mir nicht stimmig.


    Aber wie auch immer, ich bin beruhigt.

    ...und Punkte sind doch Rudeltiere...



  • Hallo,
    meine Tochter (jetzt 5 Monate) wird auch nach Bobath behandelt seit sie 3 Monate alt ist. Sie hat sich stark überstreckt und hat die Bauchlage total abgelehnt. Zusätzlich hat der Kinderarzt eine leichte Asymetrie diagnostiziert. Die Behandlung ist nicht grob, im Gegenteil, die Physiotherapeutin ist sehr vorsichtig und sanft. Unserer Tochter gefällt es meistens sehr gut, manchmal ist es ihr allerdings zu anstrengend. Dann bezieht mich die Therapeutin so mit in die Behandlung ein, dass ich die Kleine noch einmal motivieren kann. Und es hat gut geholfen, seit gestern dreht sie sich alleine in die Bauchlage und liebt es.Sie überstreckt sich gar nicht mehr und die Asymetrie ist fast verschwunden.
    Viele Grüße,
    Mirabelle