• Ich hoffe, dass dies im Fall des Falles meinen Angehörigen einiges an Druck und Entscheidungsnöten erspart.
    Meine Gründe gegen eine Organspende wurden bereits von anderen genannt, vor allem das Würdigen des vollständigen Sterbeprozesses und der Einheit des Körpers ist mir persönlich sehr wichtig.


    Der Körper ist nur eine Hülle - wozu braucht man im Tod einen unversehrten Körper - stirbt man bei einem schweren Unfall, ist er zB auch nicht unversehrt.


    Außerdem fände ich es extrem respektlos gegenüber meinem Angehörigen, quasi aus dem eigenen Befinden heraus, mich gegen seinen ausdrücklichen Wunsch auszusprechen und die - dezidiert - gewünschte Organspende zu verweigern.

  • Der Körper ist nur eine Hülle - wozu braucht man im Tod einen unversehrten Körper - stirbt man bei einem schweren Unfall, ist er zB auch nicht unversehrt.


    Es geht nicht um den KÖRPER.
    Es geht um den Prozess den die Seele macht während des sterbens an sich.


    Das könnte ich z.b. als Unterschied akzeptieren auch bei Angehörigen. Wir gehen gemeinsam soweit es uns richtig und wichtig erscheint. Wir können halten und gehalten werden, wir können uns verabschieden und trösten - und wenn wir der Überzeugung sind die Seele ist fort, kann mit dem Körper was anderes passieren.


    Und das Unversehrtheitsargument kann ich nicht nachvollziehen. Das ganze Leben bekommt man körperliche und seelische Versehrungen unterschiedlicher Art. Sagt doch keiner, ist eh schon ein Arm ab, kommts auf den zweiten auch nicht mehr drauf an. Im Gegenteil. Man tut alles um den zweiten zu erhalten. Und wenn ich jemanden vor mir liegen habe der offensichtlich nicht mehr unversehrt ist habe ich eventuell den menschlichen Impuls ihm doch gerade dann einen möglichst menschenwürdigen, unbeschadeten Weg zu ermöglichen und nicht zu riskieren noch eins draufzusetzen.

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
    Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!
    (mascha kaleko)

  • Was mich gerade ein bisschen sprachlos lässt, ist die Beurteilung der Lebensqualität und -dauer der Empfänger. Vielleicht sind es "nur" 10 Jahre. Oder auch nur 5 Jahre. Mein Mann steht gerade am Beginn einer Stammzelltransplantation. Die natürlich in keiner Weise mit einer Organ- oder Gewebetransplantation von Seiten der Gebers zu vergleichen ist. Aber eine Lebensdauer von fünf oder zehn Jahre ist so unendlich viel! In fünf Jahren ist Nepomuk 16, Korbinian immerhin zehn. Das sind fünf weitere Jahre mit ihrem Vater. Das ist seine Grundschulzeit. Da ist der Große schon beinah durch die Pubertät. Mit Vater an seiner Seite. Ich glaub, die Lebensjahre, die man mit Spendenorgan hat, lassen sich nicht in Zahlen bemessen. Und schon gar nicht feststellen, dass es sich für die Dauer ja kaum "lohnt" ;(


    #knuddel
    Dieses Abwägen finde ich auch ganz ganz schlimm. Wann wäre es denn verdient, noch ein fremdes Organ zu bekommen? Wo ist denn die Grenze? 5 Jahre? 10 Jahre? 20 Jahre? Und mit welchen Einschränkungen? Nur wenn man danach gänzlich unbeschwert leben kann? Oder auch noch, wenn man im Rollstuhl sitzt? Hat es die alleinerziehende Mutter verdient, aber der ehemalige Häftling nicht? Und was ist mit den Menschen mit Behinderung?


    Ich finde, wenn man da einmal anfängt, zu hinterfragen, ob es sich überhaupt "lohnt", kommt man ganz schnell in eine ungute Spirale rein (ist ja auch durchaus Thema bei sehr teuren Therapien :S ). Und das möchte ich ganz sicherlich nicht werten wollen.


    Ich kann verstehen, wenn es bei Prozessen, die eventuell auch für andere ein Risiko darstellen (zb Lebendspende) zu derartigen Abwägungen kommt. Aber wenn ich im Sterben bin und dieser Prozess unweigerlich eingesetzt hat, dann ist es für mich persönlich unerheblich, ob jemand anders damit noch eine Woche länger hat oder 20 Jahre. Mir persönlich bringen die Organe dann nun ja gar nichts mehr.


    Hätte mein Mann heute auf dem Heimweg einen schlimmen Unfall, so wäre das absolut furchtbar und traumatisch für mich. Aber das Trauma würde nicht geringer, wenn ich seinem Wunsch nicht nachkommen würde...

    Remember stars still shine in the darkest nights. Even when you can't see them, they're always there



  • Hier möchte ich nochmal ausdrücklich unterschreiben!


    Kiwi

    "Wir wollen lieber fliegen als kriechen" - Louise Otto-Peters (1819-1895) Frauenrechtlerin


    „Es gibt so viele gute Sachen auf der Welt. Es ist wirklich wichtig, dass jemand sie findet!“ Pippi Langstrumpf

  • Es geht nicht um den KÖRPER.
    Es geht um den Prozess den die Seele macht während des sterbens an sich.


    Das könnte ich z.b. als Unterschied akzeptieren auch bei Angehörigen. Wir gehen gemeinsam soweit es uns richtig und wichtig erscheint. Wir können halten und gehalten werden, wir können uns verabschieden und trösten - und wenn wir der Überzeugung sind die Seele ist fort, kann mit dem Körper was anderes passieren.


    Und das Unversehrtheitsargument kann ich nicht nachvollziehen. Das ganze Leben bekommt man körperliche und seelische Versehrungen unterschiedlicher Art. Sagt doch keiner, ist eh schon ein Arm ab, kommts auf den zweiten auch nicht mehr drauf an. Im Gegenteil. Man tut alles um den zweiten zu erhalten. Und wenn ich jemanden vor mir liegen habe der offensichtlich nicht mehr unversehrt ist habe ich eventuell den menschlichen Impuls ihm doch gerade dann einen möglichst menschenwürdigen, unbeschadeten Weg zu ermöglichen und nicht zu riskieren noch eins draufzusetzen.


    Ach das ist gut geschrieben, genauso empfinde ich das auch und so ha bich es auch empfunden als ich die Erfahrung als Angehörige gemacht hab. Es dauerte immer seine Zeit bis ich das Gefühl hatte, jetzt ist es abgeschlossen, das war wirklich ein richtiger Prozess. Das was ich über Nahtoderfahrungen gelesen hab, unterstreicht das auch, deswegen kann ich mich nicht für die Organspende entscheiden. Ich glaube wir wissen da einfach vieles noch nicht. Was während des Sterbens passiert, welche Rolle Körper, Geist und Seele einnehmen, wie lange das Gehen dauert.

    So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Siha ()

  • Ich finde, wenn man da einmal anfängt, zu hinterfragen, ob es sich überhaupt "lohnt", kommt man ganz schnell in eine ungute Spirale rein (ist ja auch durchaus Thema bei sehr teuren Therapien


    Ich finde das auch schrecklich. Aber es geht mit Organspende notgedrungenermaßen einher. Schon allein die Frage, wer an welcher Stelle der Empfängerliste steht, ist eine solche Abwägung. Außerdem ist eine Transplantaion enorm teuer und auch ein großer Eingriff für den Empfänger. Tut man jemandem einen Gefallen damit, wenn man ihn noch einer großen OP unterzieht, die eine großee Chance hat, zu scheitern? Natürlich muss man das vorher abwägen.
    Ich finde es ein bissel "rausgeschummelt" wenn man sagt "ich bin ja eh tot, da gibt es nichts abzuwägen". Weil das eben niemand weiß. Wir wissen nicht genug über den Sterbeprozess, das ist einfach ein Fakt. Als muss man, wenn man ernsthaft über Organspende nachdenken will, den Eingriff in den Sterbeprozess gegen den potetnitellen Nutzen abwägen für den EMpfänger und die Gesellschaft abwägen. Ich finde es legitim zu sagen "ich gfaube nicht, dass das im Sterben viel ausmacht", aber die Behauptung "es macht nichts aus" finde ich schwierig.
    Und: Auch für die Gesellschaft macht es einen Unterschied, ob die immens hohen Kosten einer Implantation zu 2 Wochen Lebensverlängerung führen oder zu 10 Jahren. Da die Krankenkassen nicht beliebig viel Geld haben, müssen sie das, was sie da ausgeben anderswo sparen. Also ist die Abwägung da - so doof wie man sie findet. Und man kann sie nicht wegreden.

  • Aber die Zahlen sind besser als du den Anschein erweckst - bei Herztransplantation überleben 60% die ersten zehn Jahre nach der OP. Das ist durchaus ein Wort. Wobei diese Frage sicherlich mit im Raum steht. Genau wie bei der Stammzelltransplantation meines Mannes. Oder anderen Operationen oder Therapien. Das würde ich aber nicht spezifisch an der Organtransplantation festmachen, das ist ein grundsätzliche Frage, die sich angesichts neuer medizinischer Verfahren immer stellt. Ich meine, da steht die Organtransplantation noch verhältnismäßig gut da um Vergleich zu anderen Therapien oder Operationen - aber da bräuchte es vermutlich echt jemanden vom Fach.


    Das mit dem Sterbeprozess #weissnicht was ich bisher recherchiert habe, hörte ich für mich recht umfassend an.

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

    ---

    demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen

    Willy Brandt, 1969

  • Naja, die frage nach dem sterbeprozess und der intervention - medizinisch - stellt sich ja auch ohne organtsansplantation.
    Ich persönlich bin für medizinische begleitung im sinne von analgesie extrem dankbar, das war ja für mich auch die einzige *grundbedingung*. Für andere mag das anders sein, aber ich denke die frage nach der intervention, medizinisch, stellt sich eh, und für uns heute oftmals schon an anderer stelle. Wir greifen ja permanent in die *natürliche* lebenserwartung ein, und eigentlich ist eine B,Blinddarmentzündung auch schon ein sterbeprozess gewesen - früher...
    Für mich hat die Diagnose Hirntod aber noch eine andere andere bedeutung:
    Das sterben ist unumkehrbar und vor allem: meine höheren Hirnfunktionen, die mich als Mensch ausmachen, sind so nicht mehr vorhanden/intakt.
    Für mich persönlich bin ICH, das was mich ausmacht, damit schon gestorben. Ich möchte nur sichergehen das selbst der körper oder das was noch da ist, kein *leiden* verspürt.


    Mir persönlich ist da eine organentnahme unter voller Analgesie (es wurde gesagt das es immer in Narkose stattfindet - auf die lege ich ehrlich gesagt keinen wert, rein der analgetische Teil würde mir reichen, gruselig fände ich es andersherum ;)... *narkose* ist ja ein weit gefasster begriff, ich will hochpotente Analgetika!) ehrlich gesagt lieber als ein *natürliches* sterben ohne.

    Nichts ist so gewöhnlich, wie der wunsch außergewöhnlich zu sein (Shakespeare)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von katilein ()

  • Aber die Zahlen sind besser als du den Anschein erweckst - bei Herztransplantation überleben 60% die ersten zehn Jahre nach der OP.


    Da müsste ich jetzt nochmal all die Seiten lesen, aber ich dachte, diese Zahl sei die, die ich selbst rechercheirt hatte. Wie kann ich also einen anderen Anschein erwecken?


    Für mich hat die Diagnose Hirntod aber noch eine andere andere bedeutung:
    Das sterben ist unumkehrbar und vor allem: meine höheren Hirnfunktionen, die mich als Mensch ausmachen, sind so nicht mehr vorhanden/intakt.


    Da gehe ich beim ersten Teil mit. Und finde beim zweiten, dass ich es nicht weiß. Bin ich meine Hirnfunktionen? Ich finde es aber völlig legitim, dies zu glauben und daher für die Organtransplantation zu sein.


    Für mich persönlich bin ICH, das was mich ausmacht, damit schon gestorben. Ich möchte nur sichergehen das selbst der körper oder das was noch da ist, kein *leiden* verspürt.


    Das verstehe ich auch, denn hier sorgst Du vor, falls doch noch "was von Dir" da ist.


    Das nun auszuweiten auf die Frage, ab wann Eingriffe in den Sterbeprozess zu rechtfertigen sind - mhm, ich weiß nicht, ob ich darauf eingehen mag. Ich war dankbar für den Kaiserschnitt, als ich ihn brauchte und für die OPs, als meine Tochter sie brauchte. Aber an welcher Stelle ist der Punkt, an dem ich sage "das ist zwar möglich, aber das möchte ich nicht mittragen"? Ich finde das gar nicht leicht zu sagen und es verschiebt sich bei mir auch immer wieder. Ich hatte eine Zeitlang auch einen Organspendeausweis mit "ja". #weissnicht

  • Dankte Hermine für die Relativierung der Zahlen und #knuddel für euch!


    Bzgl. abwägen: vielleicht ist das schon wieder naiv, ich hoffe halt dass gerade bei so großen, teuren Eingriffen sehr viel evaluiert wird und selbst wenn das Leben im Einzelfall nur kurz verlängert wird es sich durch die gewonnene Erfahrung "ausgezahlt" hat. Ganz abgesehen von den Schicksalen dahinter, wo es für jeden Einzelnen tragisch ist wenn er nur 2 Wochen länger gelebt hat (die er womöglich ohne diesem Eingriff auch noch gelebt hätte).


    Und bzgl Sterbeprozess: ich weiß nicht, ob wir jemals mehr darüberwissen werden. Und ich kann mir vorstellen, dass es ein Prozess ist, der einen anderen Weg geht wenn die Maschinen abgeschalten werden als wenn das Herz plötzlich weg ist. Vielleicht würde ich, wenn es einen nahen Verwandten von mir trifft bitten, bei den allerletzten Minuten dabei sein zu dürfen, wie auch immer ich das anstellen müsste damit das möglich ist.


    Ich kann mir auch vorstellen, dass es wirklich egal ist. Also dass wir uns die Existenz einer Seele nur einreden.


    Was nicht zu meinem Weltbild passt ist, dass unendlich viel verloren ist wenn der Tod nicht in den Armen eines Familienmitglieds stattfindet - das tut er bei so vielen Menschen nicht... ist halt mein Weltbild.


    Aja, und irgendwo in diesem Thread hatte ich gelesen, man müsse über 50 sein um als Organspender in Frage zu kommen - hab ich mich verlesen oder weiß jemand was dazu?

  • Unsere Zahlen widersprechen sich nicht (ich hab jetzt auch noch mal nachgeschaut), meine gehen nur über das erste Jahr hinaus. Also 5% sterben innerhalb der ersten vier Wochen (bei Kindern), weitere 15% innerhalb des Jahres. Anders ausgedrückt, 80% überleben das erste Jahr, 60% die ersten zehn Jahre.


    In deinem Posting war ich von der "großen Chance zu scheitern" irritiert. Wenn 80 von 100 die Chance haben ein Jahr länger zu leben...

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

    ---

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    Willy Brandt, 1969

  • tesha, das bezog sich auf die körperspende mit den 50 jahren,
    also dann stellst du deinen körper einer anatomie uni zur verfügung,
    die dann an dir üben dürfen.
    als ich 20 jahre alt war hat man dafür noch 2000dm bekommen,
    heute musst du 1000€ für die beerdigung zahlen.
    die haben einen immer höheren andrag von leuten, die das machen wollen,
    wahrscheinlich auch aus finanziellen nöten,
    aber davon abgesehen finde ich das eine sehr gute sache.
    die angehörigen müssen nur damit rechnen,
    dass die beerdigung monate oder jahre später stattfindet.


    Für die einen ist das Glas halbleer,
    für die anderen ist es halbvoll,
    und ich freu mich schon, wenn überhaupt etwas drin ist !!
    :D

  • Ich wollte hier mal etwas zur Organspende schreiben weil doch sehr viel Unsicherheit im Raum ist. Ich muss gleich los, fasse mich also kurz,
    Die Organe werden ( so wie ich das jetzt mehrfach erlebt habe) in einer Narkose entnommen. Das Gehirn ist nicht mehr durchblutet es gibt kein Bewustsein mehr, dennoch existieren Reflexe ( auf Rückenmarksebene) die Bewegungen auslösen können. Dieses Lazarusphänomen genannte Geschehen kann an dem Eingriff beteiligte sehr mitnehmen. daher versucht man es auszuschalten.
    Die Operation wird in der Regel durch sehr erfahrene, sehr geschickte Operateure durchgeführt. Die Narben werden genäht wie bei anderen Patienten auch. Es wird in der Regel darauf geachtet dass der Patient wie ein " normal" operierter Patient aussieht.
    Die Hirntoddiagnostik wird durch zwei unabhängige Ärzte im zeitlichen Abstand durchgeführt. Sie ist hoch standardisiert. Ich weiss nicht ob es dabei zu Fehldiagnosen kommt, ich hoffe nicht.
    Der Hirntod ist unumkehrbar. Zu diesem Zeitpunkt ist der Mensch imho tot.
    In der Praxis erhalten diese Patienten dann noch intensivmedizinische Therapie um eine Organspende zu ermöglichen. ( Ohne diese Massnahmen währen die Organe nicht mehr durchblutet und würden sterben) Man kann also sagen dass die Organe künstlich am Leben erhalten werden um eine Organspende zu ermöglichen.


    Ich halte Organspende für segensreich, und meine Organe sollen lieber gutes tun als den würmern Nahrung sein. Ich kann aber verstehen wenn man das anders sieht.


    Ich hoffe ich konnte ein paar Fakten streuen.
    Muss an die Arbeit
    Schoko

    Schokojunkie mit Töchtern (5/07 und7/09)

  • Tut man jemandem einen Gefallen damit, wenn man ihn noch einer großen OP unterzieht, die eine großee Chance hat, zu scheitern? Natürlich muss man das vorher abwägen.
    Ich finde es ein bissel "rausgeschummelt" wenn man sagt "ich bin ja eh tot, da gibt es nichts abzuwägen".


    Merin, ich bin überzeugt, dass jeder mensch das recht hat für sich selber zu entscheiden ob er einer Organentnahme zustimmen möchte oder nicht. Wenn Jemand das gefühl hat, dass massiv in den Sterbeprozess eingegriffen wird, dann ist das, wenn auch für mich nicht nachvollziehbar, legitim und er kann entscheiden wie er möchte.
    Das Argument das du hier aber anbringst erschreckt mich und ich empfinde es als unglaublich anmaßend und zynisch.
    Patienten die Organe bekommen werden auf der Warteliste zum einen nach Bedarf aber v.a. auch nach prognose gelistet, diejenigen Menschen die Organe bekommen haben eine hohe Chance weiter zu leben, ob es im speziellen zu Anstoßungsreaktionen kommt, kann keiner sagen, ob es im verlauf zu anderen Erkrankungen wie krebsleiden etc. kommt oder der Patient ein halbes Jahr drauf die Treppe runterfällt und sich das Genick bricht, dass kann niemand vorher sagen und ja, die Kosten einer Behandlung bzw. der Explantation (über die sprechen wir hier ja v.a.) sind sehr hoch...aber entschuldige, was ist das denn für eine Herangehensweise...wollen wir nun im geriartrischen Bereich auch darauf achten das die Kosten/Nutzen-Analyse passt?
    Und wenn ein Organempfänger nur 2 Wochen mehr mit seiner Familie hätte, oder man der Familie und dem Patienten Hoffnung schenken kann...dann ist es das für mich Wert.


    Wenn man also eine Entscheidung, so sollte man bei der Entscheidungsfindung bei sich bleiben und nun nicht eine Entscheidung für den Empfänger treffen wollen, so ala..."ob sich das wohl lohnt", das ist wie Ebura schon schrieb eine ganz üble und gefährliche Spirale!


    Kiwi

    "Wir wollen lieber fliegen als kriechen" - Louise Otto-Peters (1819-1895) Frauenrechtlerin


    „Es gibt so viele gute Sachen auf der Welt. Es ist wirklich wichtig, dass jemand sie findet!“ Pippi Langstrumpf

  • ich bin potenzielle empfängerin aufgrund meiner herzprobleme. meine einstellung zum empfang hat sich im lauf der zeit mehrfach gewandelt bzw. befindet sich im ständigen wandel. früher hätte ich mir eine transplantation nicht vorstellen können, absolut nicht. es war für mich horror, ein eigentlich "totes herz" bzw. das von jemand anderem zu nutzen und diesen buchstäblichen fremd-körper in mir zu haben bzw. auch die vorstellung, dass mein herz nicht mehr schlägt und ich trotzdem am leben bin.


    mit der geburt meines sohnes hat sich das geändert. da hätte ich alles getan, um ihn nicht allein zurückzulassen (er hat auch nur mich). das besteht nach wie vor. sogar zunehmend, weil meine mutter immer älter ist und ich nicht weiß, wie sie mit dem pubertario so klar käme.


    vor dem hintergrund finde ich die hier geäußerten überlegungen sehr schlimm und schließe mich kiwi an: niemand hat das recht, sich in die gedankengänge der EMPFÄNGER einzumischen und "ihnen die OP nicht zuzumuten", die sie ggf. dringendst herbeisehnen. und wenn man "nur" herzprobleme hat, gehts einem schon auch scheiße, gerade im schlussstadium, wo man ohne unterstützung nicht mehr überleben kann. aber jemand mit fortgeschrittenem leberleiden quält sich wie die sau. oder jemand, der dauernd an der dialyse hängt. jemand mit lungenproblemen und 28 _erstickungsanfällen_ am tag! es geht keinen potenziellen spender was an, warum der empfänger sich auf die liste setzen lässt und warum er die OP will, selbst wenns nur für EINE WOCHE ohne erstickungsanfälle wäre!


    bei der warteliste wird unter anderem nach compliance gewertet (ist aber nicht der wichtigste faktor), also danach, wie der empfänger mitmacht und psychisch mit der sache zurechtkommt, ebenso danach, wie die chancen für die empfängerin nach der OP sind. schon von daher sollte für den empfänger keine rolle spielen, dass sein organ ggf. "verschwendet" sein könnte (wird er im ganzen verbrannt, ist dies eh "der fall", was ich in anführungsstriche noch und nöcher setze, weil ich nicht bei organen von verschwendung reden will).



    je älter mein sohn wird, desto mehr denke ich aber, dass ich im ganzen schon sehr verbraucht bin, auch vom alleinsein und dem insgesamt sehr unerfreulichen leben, und dass ich ab einem gewissen punkt zum empfang nicht mehr bereit sein werde; weils dann auch einfach gut sein soll und ich dann halt beim nächsten vorfall ruhe habe. da würde ich dann, wenn ich wüsste, mein sohn hat eine frau und ist glücklich mit der, eher jemandem den vortritt lassen, der richtig was davon hat. diese überlegungen machen sich (potenzielle) empfängerinnen also ohnehin.



    bis dato habe ich immer den spenderausweis und habe meine bereitschaft deklariert, a) lunge, b) leber, c) nieren und ähnliche innere organe zu spenden (herz wäre für den empfänger wohl eher kontraproduktiv). ausgeschlossen habe ich alles, was am kopf ist (nicht lebensnotwendig) sowie komplette gliedmaßen, hände, arme.


    und ja, ich verstehe auch jeden, der das mit dem sterbeprozess nicht vereinbar findet. ich kann es nachvollziehen und fühle mich auch zunehmend unwohl damit. ggf. erlaube ich mir irgendwann, deshalb von der organspendebereitschaft zurückzutreten. und dies wünsche ich nicht bewertet zu haben von außen, weil es eben nicht bewertet werden darf.



    übrigens finde ich es auch völlig legitim, sich mit dem thema NICHT AUSEINANDERSETZEN ZU WOLLEN. bloß weil die medizin solche möglichkeiten bietet, muss da nicht jeder einzelne mitmachen und sich ggf. einem thema stellen, was ihn verstört, verängstigt und wo er zu keinem ergebnis kommt. das potenzial ist sehr hoch bei dem thema, daher begrüße ich es, wenn erst mal NIEMAND a priori organspender ist, sondern man seine bereitschaft extra bekunden muss.



    lg, patrick

  • Da bin ich sowohl von Patrik, als auch von Kiwi missverstanden worden. Das Hauptmissverständnis liegt im "wir":


    .aber entschuldige, was ist das denn für eine Herangehensweise...wollen wir nun im geriartrischen Bereich auch darauf achten das die Kosten/Nutzen-Analyse passt?


    Das wird getan. Kiwi Du arbeitest doch genau wie ich im Gesundheitsbereich und weißt das, oder nicht? Ich zumindest muss bei jedem Therapieantrag an die Kasssen schildern, dass die Prognose es rechtfertigt, eine Therapie zu versuchen, und wenn ich meine, dass die Prognose zu schlecht wäre, dann muss ich jemanden als Patient ablehnen. Ich finde das bitter und habe da lange gegen revoltiert - aber wenn ich sehe, wie wenige Therapieplätze ws gibt und wie begrenzt meine eigenen Ressourcen sind, dann gehe ich da mittlerweile eher mit.
    Dass diese Abwägungen im Gesundheitsbereich und gesellschaftlich nötig sind, heißt aber noch lange nicht, dass ich finde, jeder potentielle Spender oder Empfänger müsse sie individuell machen. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es andere gibt, die sie machen (müssen). Das hat Patrick auch sehr klar geschildert. Ich persönlich würde mir nie anmaßen zu entscheiden, wer ein Organ bekommen soll und wer nicht. Zum Glück ist das auch nicht mein Job.


    Wenn man also eine Entscheidung, so sollte man bei der Entscheidungsfindung bei sich bleiben und nun nicht eine Entscheidung für den Empfänger treffen wollen, so ala..."ob sich das wohl lohnt", das ist wie Ebura schon schrieb eine ganz üble und gefährliche Spirale!


    Dass man als nicht Beteiligte (oder eben potentielle Spenderin) keine Entscheidung über potentielle Empfänger treffen sollte: da stimme ich Dir voll und ganz zu. Dass die Menschen, die diese Entscheidungen für uns alle treffen "in eine üble und gefährliche Spirale geraten" das meine ich allerdings nicht. Nur weil Menschen diese Entscheidungen treffen, ist Organspende überhaupt möglich.

  • Eigentlich wollte ich mich diesmal bei dem Thema raushalten. Aber Patrick hat für mich in den zitierten Absätzen sehr viele richtige Sätze getroffen. Danke, Patrick und ich wünsche dir von herzen, dass dein Herz noch ganz, ganz lange gute Arbeit leistet!
    Ich beschäftige mich immer wieder mit dem Thema seit ich vor vielen Jahren auf einer Intensivstation arbeitete und dort auch potentiell hirntote Menschen gepflegt, überwacht und medikamentiert habe. In dem Moment, wo "hirntot" im Raum steht, gab es einiges zu beachten, damit auf jeden Fall die Organe erhalten bleiben. Ist der Hirntod dann diagnostiziert, müssen die Angehörigen einer Entnahme zustimmen. Bis dann tatsächlich eine mögliche Organentnahme stattfindet, vergehen schon mal 2 oder 3 Tage(damals). Natürlich fragte ich mich, wie tot der Mensch wirklich ist, den ich gerade wasche, mit dem ich rede, den ich zudecke, eincreme, versorge.... Das hat mich bis in meine Träume verfolgt. Jemand verlinkte den Artikel "Hirntote sind keine Leichen", da finde ich mich gut drin wieder.
    Mein Dilemma: ich halte mich eigentlich für einen recht sozialen Menschen. Dass ich nicht mit gutem Gefühl sagen kann, ich gebe gerne meine Organe, wenn ich hirntot bin, das beschämt mich. Das ist mir peinlich, kommt mir egoistisch vor, aber ich schaffe es nicht ein klares JA zu sagen. Deshalb mag ich kaum darüber reden und bei jeder Kampagne pro Organspende komme ich mir vor wie ein Arschloch. Denn ich denke auch an die Empfänger und wünsche jedem ein passendes Organ.
    Ich würde kein Organ wollen(sag ich jetzt, wo ich ganz bestimmt auch keins brauche in absehbarer Zeit). Stände ich vor der Frage, ob ich eines für meine Kinder annehme wäre ich total hilflos.
    Ich denke, grüble, fühle und ich komme in dieser Frage nie zu einem endgültigen Ergebnis. Doch, meistens und in der Tendenz lautet meine Antwort zur Zeit nein, aber in Ordnung finde ich das nicht und ich kann da nicht gut zu stehen. Das zerreisst mich förmlich, deshalb schiebe ich das Thema immer wieder von mir weg. Deshalb habe ich keinen Organspendeausweis. Mein Mann kennt meine Gedanken zu dem Thema.
    Ich würde sofort Stammzellen spenden, eine Niere für Verwandte, ein Stück meiner Leber und was halt so geht.
    Wenn ich dann doch einmal für einen Angehörigen in echt vor dieser Fragen stehen sollte, dann wünsche ich mir im richtigen Moment eine klare Antwort. Und vielleicht fällt sie dann für mich überraschend aus. Ich vertraue darauf, dass ich es dann auch entscheiden kann. Jetzt kann ich es noch nicht.

  • Hmmm, ohne jetzt hier alles gelesen zu haben.


    Für mich stellt sich nur die eine Frage:
    Wäre mein Kind in der Position ein potentieller Empfänger zu sein - würde ich mich über einen Organspender freuen und das Organ annehmen?


    Wenn ich das mit ja beantworte, was ich tue, muss ich auch einer Spende meiner und der Organe meiner Kinder zustimmen, wenn es furchtbarerweise soweit kommen sollte.


    Wenn Ihr Skeptiker weder für Euch noch für Eure Kinder eine Organannahme wollt, dann könnt Ihr imho auch die Spende ablehnen. sonst imho nicht!

  • dieser aspekt wurde in dem alten thread auch ausfühlrich diskutiert. also das "nur wenn man selber spender ist darf man organe annehmen".


    auch da kann man unterschiedlicher Ansicht sein.
    Die Organspende ist ein Geschenk, das man ohne Bedingungen macht. Oder eben nicht - aber das ist heutzutage nicht möglich. Niemand kann bestimmen was mit seinen gespendeten Organen passiert.


    ich selbst bin auf der Seite des bedingungslosen Geschenkes. Es ist ein nicht ganz passender Vergleich, aber wenn ich Geld spende oder ein Paket für hilfsbedürftige Menschen packe dann vertraue ich darauf dass diese Menschen die Hilfe nötig haben und es sinnvoll verteilt wird. Ich selbst bin nicht derjenige der beurteilt ob derjenige in meinen Augen berechtigt ist die Hilfe anzunehmen (Menschen fühlen sich mit unterschiedlichen Einkommen arm z.b.). Wenn ich etwas von mir hergebe nach meinem Ableben dann bedingungslos.
    Vor allem auch unter dem GEsichtspunkt dass die meisten Empfänger gar keine potentiellen Spender sind. Da kann man ja leicht sagen ha, ich würd ja, aber ich darf nicht.


    und trotzdem bleibe ich dabei dass ich momentan kein potentieller Organspender bin (gewebe eventuell) und FÜR MEINE VERWANDTEN wenn ich deren Einstellung nicht kenne, im Zweifel dagegen entscheiden würde.

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
    Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!
    (mascha kaleko)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von murkel ()

  • Aylani in Deinen Zeilen finde ich mich sehr wieder. Auch ich denke: Ich würde kein Organ für mich wollen. Aber ich fidn edie Tragweite dieser Entscheidung schwer auszuhalten und zu überblicken.


    Was ich dagegen schwierig finde, ist eine Sichtweise wie die von Mokimarble:


    Wenn Ihr Skeptiker weder für Euch noch für Eure Kinder eine Organannahme wollt, dann könnt Ihr imho auch die Spende ablehnen. sonst imho nicht!


    Ich finde, es darf keine Pflicht zur Spende geben. Keine moralische und auch sonst keine.
    Und: ich kann ja für mich eine Spende ablehnen und auch einen Empfang - aber für mein Kind? Das finde ich noch einmal eine ganz andere Sache. Ich hoffe, dass ich das nie werde entscheiden müssen.