NICHT aufs Gymnasium trotz gutem Zensurendurchschnitt?!

  • D.h. die Zahl der Studenten wurde heftig reguliert? Oder gab es noch spätere Möglichkeiten zu studieren?

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

    ---

    demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen

    Willy Brandt, 1969

  • Ich meine , es gab die Möglichkeit auch nach dem Erlernen eines Berufs zu studieren. Ein Freund hat das gemacht. Einzelheiten kenne ich nicht...
    Die Selektion war heftig, ja. Aus meiner POS-Klasse kamen insgesamt 4 von 27 zur EOS. Schnitt 1,0.
    Sehr sehr verbreitet war aber die Berufsausbildung mit Abitur, da hattest du im Anschluss an die 10. Klasse nach drei Jahre Abitur und einen Facharbeiter (Berufsabschluss). Das gabs in allen möglichen Berufen -Zoo/Agrotechniker, Imker, Textilproduktion, Baufacharbeiter... War ein hartes Brot , aber ein Weg für die, die es nicht zur EOS geschafft haben . Und eigentlich eine tolle Sache, Beruf und Abitur in drei Jahren , jedes einzeln dauerte zwei Jahre .
    Wer danach studierte, hatte einfach schon praktische Erfahrung .
    Gruß omega.

  • Danke Freda, spannend. Das erklärt auch meine Eindruck, dass die DDR-Wissenschaftler (in Geschichte), die ich kennengelernt habe, insgesamt einen sehr hohen Bildungsstandard hatten (okay, sie waren in aller Regel auch 20-30 Jahre älter :-D).


    Darf ich noch mal zur Schule zurückkommen? Ich finde das Konzept alle Kinder bis zur 10ten Klasse gemeinsam zu unterrichten (theoretisch) sehr gut. Aber ich sehe, welche Probleme ich schon zum Teil habe, Unterschiede im Interesse und im der Auffassung aufzufangen. Wenn ich mir in der zehnten Klasse vorstelle, Schüler zu motivieren, die einerseits sehr gut zu Transferleistungen in der Lage sind und auch Futter wollen und andererseits Schüler, die Schwierigkeiten mit der Umbenennung von grammatikalischen Begriffen haben - hui, das finde ich schon eine Aufgabe. Wie war es eigentlich mit Disziplin? War es ruhig in den Klassen? Wie groß waren die? Was passierte, wenn es nicht ruhig war? (Sorry, ich finde es gerade wirklich spannend.)

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

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    Willy Brandt, 1969

  • Sehr sehr verbreitet war aber die Berufsausbildung mit Abitur, da hattest du im Anschluss an die 10. Klasse nach drei Jahre Abitur und einen Facharbeiter (Berufsabschluss).

    Gerade erst gesehen: Konnte man sich diesen Beruf aussuchen oder wurde das auch zugeteilt?

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    Willy Brandt, 1969

  • Hm, ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern. Mir ist das Lernen immer sehr leicht gefallen und ich habe mich mehr auf mein Hobby konzentriert, als auf die Schule.
    Eine besondere Förderung der begabteren Schüler gab es im Unterricht nicht groß. Wie gesagt, wichtig waren Lernpatenschaften mit schwächeren Schülern. Ich war noch in der mathematischen Schülergesellschaft, die sich außerhalb der Schule einmal in der Woche getroffen hat.
    Die Klassen waren meist so um die 24 Kinder. Ich denke, es war wie heute auch, sehr vom Lehrer abhängig, wie ruhig es in der Klasse war. Strafen? Weiß ich nicht mehr. so genau Schlechte Noten, Kind vor die Tür stellen. Ein Lehrer am Gymnasium (war nach der Wende) hat mit dem Schlüssel geworfen, wenn jemand träumte. Ach ich glaube, das war nicht groß anders als heute. Es gab Lehrer, denen die Kinder auf der Nase herumgetanzt sind und welche, da war es aufgrund der natürlichen Autorität mucksmäuschenstill.
    In Mathe kam z.B. immer Anfang der Stunde jemand dran um Lehrsätze aufzusagen. Der Lehrer hat die Finger einer Hand hochgehalten (Anzahl Finger = Zensur, es ging ja nur bis 5) und dann hat er 4 Sätze abgefragt. Bei jeder richtigen Antwort hat er einen Finger eingeklappt und so konnte man an den Fingern gleich die Note sehen. Daran erinnere ich mich.
    Aber ich war ja auch erst in den 80er Jahren in der Schule, da war dann schon vieles abgeschwächt. Und ich bin nach der 8. Klasse zur Wende ins Gymnasium gewechselt.

  • Danke!

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    Willy Brandt, 1969

  • Ich meine , es gab die Möglichkeit auch nach dem Erlernen eines Berufs zu studieren. Ein Freund hat das gemacht. Einzelheiten kenne ich nicht...
    Die Selektion war heftig, ja. Aus meiner POS-Klasse kamen insgesamt 4 von 27 zur EOS. Schnitt 1,0.
    Sehr sehr verbreitet war aber die Berufsausbildung mit Abitur, da hattest du im Anschluss an die 10. Klasse nach drei Jahre Abitur und einen Facharbeiter (Berufsabschluss). Das gabs in allen möglichen Berufen -Zoo/Agrotechniker, Imker, Textilproduktion, Baufacharbeiter... War ein hartes Brot , aber ein Weg für die, die es nicht zur EOS geschafft haben . Und eigentlich eine tolle Sache, Beruf und Abitur in drei Jahren , jedes einzeln dauerte zwei Jahre .
    Wer danach studierte, hatte einfach schon praktische Erfahrung .
    Gruß omega.


    Mmmmh, meines Wissens gab es die gekoppelte Berufsausbildung-Abitur zu der Zeit, als die EOS-Klassen 4 Jahre gingen (9.-12. Klasse). Später waren es ja nur noch zwei Jahre (11. und 12. Klasse).


    Nein, man konnte sich die Berufsausbildung nicht aussuchen, sondern musste (!) lernen, was die örtliche EOS hatte. Bei meiner Mutter in der Klasse mussten alle eine Maurerausbildung machen und sie hat bis heute Rückenprobleme davon. Das war nun nicht wirklich kein Frauenberuf, aber darauf hat die DDR-Ideologie keine Rücksicht genommen.
    Die Ideologie hinter der Kombiniation war im Übrigen, dass es keine Akademikerschicht geben sollte. Alle sollten irgendwie Bauern oder Arbeiter sein.


    Zum Thema DDR-Methodik - ich erinnere mich noch besonders gerne an die Zeit direkt nach der Wende, als niemand von den Lehrkräften wusste, wie es weiter geht. Da wurde bei uns in der Schule unheimlich viel ausprobiert, geschaut, was es alles so an Schulkonzepten in der neuen großen weiten Welt gab, viel und sehr offen im Unterricht diskutiert. Das war eine sehr spannende Zeit.

  • Also ich bin nach der Achten zur EOS, das gab es parallel zum Wechsel nach der Zehnten bis zur Wende . Alles an einer EOS. Na ja , aussuchen des Berufs ...halbwegs schon. An einem Ort waren es halt Maurer , am anderen Imker. Je nachdem, welcher Betrieb kooperierte. Die Schulen hatten alle Internate, die Schüler kamen bezirksweit. Meine Freundin war sogar in einem anderen Bezirk (heute:anderes Bundesland ).
    Klassenstärken kenne ich zwischen 20 und 28. Disziplin je nach Lehrer . Da es damals neben dem Bildungs-auch einen Erziehungsauftrag gab, waren Einfluss und Autorität der Lehrer mMn größer...
    Gruß omega.

  • In einem autoritären System ist es leichter, Autorität auszuüben.
    Auch in der BRD war es früher leichter, die Klasse im Griff zu haben. Einfach weil Lehrer/die Schule weniger hinterfragt wurden. Man schickte die Kinder in die Schule und sagte "Mach, was der Herr Lehrer sagt"...

  • klassenstärke war bei uns (ostberlin) ca. 32, zweizügig.
    abitur machten von den 32 zwei. der rest ging in die berufsausbildung.
    unterricht war vollständig frontal.
    es war bei uns generell streng und sehr ruhig. immer wenn ich mal mitbekam, wie im westen gelernt wird, war das eine mischung aus kopfschütteln und neid.


    ich fand meine schulzeit sehr schön und profitiere sehr vom damaligen bildungssystem.


    das wurde mir insbesondere klar, als ich an der freakigen fu berlin dann mit den ganzen wessis studierte. :D

    "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“


    Pfarrer Martin Niemöller

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von VivaLaVida ()

  • Ich finde es echt spannend, dass zumindest einige von euch das "strenge" System als positiv in Erinnerung haben. Deckt sich in gewisser Weise mit den Erinnerungen meiner Eltern an strenge "Pauker" (bei denen man etwas lernte).


    Interessant, dass man dann als Eltern eher die alternativen Schulformen/methoden wählt und empfindlich auf strenge Lehrer reagiert.


    Edit: Und wirklich herzlichen Dank, ich finde es echt sehr interessant. (Ich hab in gewisser Weise das andere Ende der Skala erlebt - extrem homogene Lerngruppe (wobei - das war vermutlich in der DDR auch eher der Fall, oder?), sehr kleine Klassen, sehr familiärer Umgang zwischen Schülern und Lehrern. War gut, allerdings war die Schule beinah zu klein (= keine Auswahl an Mitschülern).

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

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    Willy Brandt, 1969

  • Meine Kinder besuchen ganz normal die staatlichen Schulen.


    Ich habe hier insgesamt nicht das Gefühl, dass die Schullandschaft sich so sehr geändert hat. In Sachsen gab es ja keinerlei Experimente. Die Spezialschulen existieren fast noch genauso wie in meiner Kindheit, es gab immer die 12 Jahre Abitur, der Stichtag 30.06. wurde beibehalten etc. Einzig der Übertritt nach der 4. Klasse mit bindender Empfehlung ist eingeführt worden mit der Trennung Gymnasium/Oberschule.
    Ich habe meine Schulzeit übrigens nicht als streng empfunden #weissnicht .

  • Meine Mutter hat freiwillig in der DDR kein Abitur machen wollen, obwohl sie es vom Schnitt her gekonnt hätte. Sie hat nach der Lehre ein Fernstudium abgeschlossen (Finanzökonom), welches nach der Wende auch als Diplom anerkannt wurde. Sie hatte dadurch dann selbst gegen die ankommende Konkurrenz aus den westdeutschen Bundesländern eine Leitungsposition bis zur Rente.


    Ich selbst war nur 6 Jahre an der POS, mein Partner 2 Jahre mehr. Er ist zur 9. Klasse ans Gymnasium gegangen und hat sich sehr gewundert wie sehr die neuen Lehrbücher im Stoff hinterher hingen.


    Die Schulzeit selber habe ich als schön empfunden, das Klassenklima aber nicht immer. Wir hatten eine sehr chollerische Lehrerin, die auch ganz klar Lieblingskinder hatte bzw. welche die sie nicht mochte. Was bei ihr ganz schön war, dass sie dem ganzen Pionierzirkus nichts abgewinnen konnte und wir dadurch davon weitesgehend verschont wurden.


    Wer ins System passte und mitkam, hatte keine Probleme. Ich sehe das heute vor allem kritisch, weil ich ein Kind habe, dass eben nicht so einfach ins Schulsystem passt. Sein Bruder dagegen würde mir weniger Kopfzerbrechen bereiten, der würde fast an jeder Schule klar kommen.


    Aber die DDR Schulen waren auch keine Disziplin-und Lernhöllen, ich habe sie als relativ normal erlebt.

    Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.


    - Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel -

  • Insgesamt wirkt es auf mich leistungsorientierter als ich meine westdeutsche Schulzeit in Erinnerung habe. Und offensichtlich als ein System, das von vielen als positiv empfunden/erlebt wurde. Obwohl im Grunde eher wenig von dem umgesetzt war, was heute gefordert wird (Binnendifferenzierung, offener Unterricht, etc.). Oder täusche ich mich da?


    Meine Erf. bis 6. Klasse: klassisch frontal. Dieser Frontalunterricht war sehr stark strukturiert, auch einem durchschnittl.Schüler war dann, glaube ich, klar, was das Lernziel der Stunde war. Außerdem gabs jeweils EIN Lehrbuch, nicht so ein Arbeitsblätter-Chaos. Lernziel erschloß sich da quasi auf einen Blick.
    Lernpatenschaften kenn ich übrigens auch.


    Noten haben bei uns zuhause eine grooooße Rolle gespielt. Ab Klasse 1, übrigens. Viel mehr als später bei meinem jüngeren Bruder, der bereits in West eingeschult wurde. Eben wg. der Selektion später. Und der "Konkurrenz" (in den persönl. Beziehungen spielte das keine Rolle). Wir waren 5 Kinder mit glattem 1,0er Schnitt, so viele wurden ja später im Schnitt gar nicht an die EOS gelassen. Der Klassenschnitt war 1,8 (ich glaub, 3. Kl.), also ein breites starkes Feld. Pädagogisch musste da kein Riesenspagat gemacht werden - außer eben, dass die Lerninhalte grundsätzlich viel übersichtlicher aufbereitet waren.


    Wir waren übrigens 31 Kinder, und unser Jahrgang war 5-zügig.

  • Mal eine ganz ernste Frage. Waren das wirklich Noten nach Leistung oder hat nicht vielmehr derjenige den guten Schnitt (also die guten Noten) bekommen, der ins System gepasst hat?


    Ich kenne da von Freunden und Bekannten nämlich eher andere Aussagen.
    So nach dem Motto: Es war von Anfang an klar, wer was machen/lernen darf...

  • Ich denke schon, dass die Leistungen in der Schule gerecht bewertet wurden. Was man dann beruflich daraus machen konnte, das war dann eher der Knackpunkt. Auch ein 1,0 Schnitt nach der 10. Klasse bedeutete nicht, dass man das Abitur machen durfte. Wer das Abitur hatte, wurde ggf. in bestimmte Studiengänge gelotst, die gerade Studenten brauchten. Bei Lehrstellen war das ähnlich. Da kam es dann nicht unbedingt auf die Leistung an, sondern auf Systemtreue, Elternhaus etc.

  • Solche Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Mir war der Hintergrund der Kinder aber eh nicht präsent. Viel weniger als heute war klar, wer z.B. mehr Geld zur Verfügung hatte oder einen Prestigeberuf hatte. Gewohnt haben alle in der Platte, die Kinder gingen in die gleiche Klasse und in den Hort. Wer sich mit wem anfreundete war auch rein zufällig/nach Sympathie nach meiner Wahrnehmung.


    Aber ich war wie schon geschrieben nur 6 Jahre an der POS.

    Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.


    - Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel -

  • Ich ja auch nur 6 Jahre, ubd in dieser Zeit wurde nach Leistung gewertet.


    Mir war der Hintergrund mancher Kinder etwas klar. Mit Kindern von Parteimitgliedern (sofern es bekannt war) musste ich etwas vorsichtiger sein. Also privat.


    Aber mit den Noten hatte das nichts zu tun.

  • Wer ins System passte und mitkam, hatte keine Probleme. Ich sehe das heute vor allem kritisch, weil ich ein Kind habe, dass eben nicht so einfach ins Schulsystem passt. Sein Bruder dagegen würde mir weniger Kopfzerbrechen bereiten, der würde fast an jeder Schule klar kommen.

    Wobei das eine das politische (Schul-)System meint und das andere das heutige Schulsystem, was im Vergleich zur DDR unpolitisch ist.


    Ich habe große Schwierigkeiten in meiner DDR-Schulzeit gehabt, ich bin mehrmals beim großen Fahnenappell nach vorn gerufen und gemaßregelt worden aufgrund meiner Kleidung oder meines Aussehens, das war klar politisch motiviert. Wir hatten eine 7-Tags-Adventistin in der Klasse, die zwar Samstags tatsächlich nicht in die Schule musste, aber vom Lehrpersonal wie eine Aussätzige behandelt wurde. Die wenigsten in meiner Schule durften das Abitur machen, der 2. Bildungsweg (Facharbeiter mit Abitur, am besten in einem Metallberuf, da fuhren die total darauf ab) war populär.


    edit: Ich habe meine Schulzeit als (lernmäßig) ziemlich luschig erlebt, keine Förderung, hoher Krankenstand des Lehrpersonals, zwar politische Indoktrination, aber wenig tatsächliche Förderung.

    Denken ist wie googeln, nur krasser.

    Dieser Beitrag wurde bereits 3 Mal editiert, zuletzt von Irene ()