Ich will kein Schreiben nach Gehör....Wie mache ich das?

  • Mein großes Kind ist auf einer Förderklasse einer normalen Schule. Endlich geht es ihm gut. Ich bin von völliger Inklusion unter heutigen Bedingungen auch nicht mehr überzeugt. Mein anderes Kind ist in einer normalen GS neben einer Förderschule. Im Hort sind sie zusammen und an der Stelle klappt Inklusion real heute super. In der Schule nur so halbwegs bis gar nicht. Unter heutigen Bedingungen hier vor Ort würde ich bei Förderbedarf klar für eine Förderklasse plädieren. Denn das funktioniert. Und ich habe nicht das Gefühl, dass das Ausgrenzung ist, auch nicht bei den Kindern.


    Dass Inklusion in der Schule erstrebenswert ist - klar! Aber nicht als Experiment, sondern als klar umrissenes Konzept mit genügend Personal.


    Womit ich wieder dabei wäre: sinnvoller, funktionierender systemwechsel sehr gerne! Aber ohne Experimente an Kindern. Das muss irgendwie gehen, OHNE dass so viele Kinder nicht gut gefördert werden.

    LG, Kalliope


    Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld! (Prof. Peter Kruse) tap.gif


  • Ansonsten gebe ich es echt auf. Sonst geht jetzt wieder eine Endlos-Litanei los darüber wie rückwärts gerichtet die "Zurück zum Alten"-Rufer sind. Wobei ich das hier bei keiner einzigen gelesen habe, aber es klingt halt so gut. #rolleyes

    Ich finde diesen Abschnitt wirklich schade, weil ich mir echt Mühe gegeben habe, mehrfach differenziert zu erklären, was ich meine.

    Ich kann verstehen, dass man mit dem eigenen Kind bzw den eigenen Erfahrungen im Hinterkopf emotionaler diskutiert - das geht mir ja nicht anders - , aber ich finde es trotzdem schade, dass die Argumente gegen eine Methode für alle anscheinend so gar nicht angekommen sind.

    Muss jetzt leider Schluss machen, aber ich fände es sehr schade, wenn sich in der Diskussion die Fronten weiter verhärten anstatt dass wir einfach alle weiter Argumente, Erfahrungen und Ideen austauschen :)

  • Huhu,


    ich habe zufällig heute das Schreibübungsheft meines Sohnes (zweites Jahr einer zweijährigen Eingangsstufe) durchgesehen. Mischmethode, Buchstabe für Buchstabe mit Übungen und immer wieder dazwischen Anregungen zum Drauflosschreiben mit Anlauttabelle. Was mir ins Auge stach ist der deutliche Mehrwert bei den letzteren Aufgaben: Es war geradezu rührend, wie ich zuschauen konnte, wie mein Sohn sich Rechtschreibstrategien zurechtgelegt hat, und diese dann veifiziert und beibehalten oder wieder über Bord geworfen hat. Da wurde offensichtlich eine Theorie zu "Sch" entwickelt, die man seitenlang verfolgen kann wie eine Abenteuergeschichte, dann gab es Experimente zum Schwa-Laut und zur "-er"-Endung. In immer neuen Variationen. Von der Lehrerin immer wieder Ressourcenstärkendes Feedback, unabhängig von der Schreibweise. DAS sind für mich die Soft-Skills des 21. Jahrhunderts. Das eigene Lernen immer wieder an der geforderten Norm auszurichten, Theorien zu überprüfen, Vergleiche anzustellen, eigene Ziele vor Augen zu haben, sich inspirieren zu lassen, selbstständig zu arbeiten, kreative Lösungen zu finden. Ich sehe diese Kompetenzen bei der Fibelmethode so gar nicht nicht. Ich sehe nur die Kompetenz "normgerechtes Schreiben". Das können zur Not auch Computerprogramme übernehmen. Die anderen genannten Kompetenzen nicht.


    Liebe Grüße


    roma

    Toleranz ist der Verdacht, dass der Andere Recht hat - Kurt Tucholsky

  • Wenn ich das richtig verstehe, dann geht es den Befürwortern vor allem ums freie Schreiben und dass sich schnelle Kinder nicht so langweilen.

    Nee, darum geht es den "Befürwortern" m.E. nicht, jedenfalls mir nicht. Mir geht es um viel mehr, nämlich um ein Menschenbild, um die Frage, was für Kompetenzen Kinder und Erwachsene brauchen, und auch um die Frage, was das Ziel von Bildung eigentlich ist.


    So etwas zeigt sich nämlich genau in solchen Fragen. Ja, alle betonen hier, wie wichtig Rechtschreibung ist, und ich schließe mich da gerne an. Ich habe beruflich mit Texten zu tun und leide sehr unter anderer Leute schlechter Rechtschreibung. Trotzdem: Wenn ich entscheiden müsste, was ich wichtiger fände, Rechtschreibung oder die Fähigkeit, durch Worte auszudrücken, was meine Fantasie produziert, würde ich keine Sekunde zögern und die Rechtschreibung hintüberfallen lassen. Gottseidank muss sich niemand entscheiden, denn man kann beides haben.


    Aber die grundsätzliche Frage bleibt für mich. Bei allem Interesse an Pisa-Studien und Co., wo sind die Studien, die messen, wie gerne Kinder zur Schule gehen, wie zufrieden Menschen mit ihrer Berufswahl sind, wie zufrieden mit ihrem Leben und ihren Gestaltungsmöglichkeiten?


    Darum geht es den "Befürwortern" auch, und sie empfinden es als völlig falsches Signal, zu Unterrichtsmethoden zurückzukehren, nachdem ein Schritt in eine bestimmte Richtung gemacht wurde, nur weil das einzige messbare Ergebnis in dieser Sache nicht befriedigend ist. Ohne zu gucken, ob der Rest nicht tatsächlich zu einer Verbesserung geführt hat, so dass man die Methode beibehalten und lediglich an dieser Schraube drehen sollte.

    In meinen Augen ist es nämlich eine unglaubliche (!) Verbesserung, dass Lehrpersonen heutzutage "genötigt" werden, binnendifferenziert zu unterrichten.


    Gruß,

    F

    Mal geht es dir schlecht. Dann geht's dir wieder gut. Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut.

  • Das klingt total super so.

    LG, Kalliope


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  • In meinen Augen ist es nämlich eine unglaubliche (!) Verbesserung, dass Lehrpersonen heutzutage "genötigt" werden, binnendifferenziert zu unterrichten.

    Naja - das Problem ist halt, dass sie es vielleicht müssten, aber de facto viele einfach nicht tun. Von 4 bei meinen Kindern erlebten Klassenlehrerinnen in der GS haben es 2 überhaupt nicht getan, 2 haben es getan/tun es. Soweit ich es von der Schule mitbekommen habe ist es da auch bei den anderen Lehrerinnen so 50 : 50 und es kommt immer darauf an, wie die Eltern da hinterher sind.

    Ich halte das für ein absolut grundlegendes Problem. Ich bin absolut FÜR Binnendifferenzierung! De facto leisten das aber viele Lehrer einfach nicht. Das ist zumindest in unserer Erfahrungswelt auch absolut altersunabhängig (ich meine das Alter der Lehrerinnen - manche tun es schon immer, auch kurz vor der Rente und die Enddreißigerin kümmert sich nicht drum)

    LG, Kalliope


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  • DAS sind für mich die Soft-Skills des 21. Jahrhunderts. Das eigene Lernen immer wieder an der geforderten Norm auszurichten, Theorien zu überprüfen, Vergleiche anzustellen, eigene Ziele vor Augen zu haben, sich inspirieren zu lassen, selbstständig zu arbeiten, kreative Lösungen zu finden. Ich sehe diese Kompetenzen bei der Fibelmethode so gar nicht nicht. Ich sehe nur die Kompetenz "normgerechtes Schreiben". Das können zur Not auch Computerprogramme übernehmen. Die anderen genannten Kompetenzen nicht.

    Ganz genau. Super ausgedrückt! :)

    Persönliche Ergänzung: Die Fibelmethode darf aus meiner Sicht durchaus auch genutzt werden, aber eben nicht als ausschließliche Methode und "Fibellehrgang für alle Kinder und sonst nichts".


    Und auch hier: Danke, genau das!

  • Es war geradezu rührend, wie ich zuschauen konnte, wie mein Sohn sich Rechtschreibstrategien zurechtgelegt hat, und diese dann veifiziert und beibehalten oder wieder über Bord geworfen hat

    Und das ist dann der Punkt, wo die schwächeren Kinder nicht mitgenommen werden. Die sind damit einfach überfordert und bleiben obendrein auf der grottigen Rechtschreibung sitzen.

    Trotzdem: Wenn ich entscheiden müsste, was ich wichtiger fände, Rechtschreibung oder die Fähigkeit, durch Worte auszudrücken, was meine Fantasie produziert, würde ich keine Sekunde zögern und die Rechtschreibung hintüberfallen lassen.

    Und das leistet die Lesen durch Schreiben Methode im Gegensatz zur Fibelmethode? Gibts da Untersuchungen?

  • Es mag auch so anachronistisch angehauchte Lehrer geben, die ein Kind, das schon gut lesen kann zu "Mama mag mimi" nötigen, ich habe da zum Glück noch niemanden kennen gelernt


    Die gibt es auch heute noch.

    Nothing is permanent.

    Everything is subject to change.

    Being is always becoming.

  • Frisch , aber ist das nicht ein sehr hehres und akademisches Ziel, Menschen zu ermöglichen, sich übers schreiben ausdrücken zu können?


    Ich meine es geht um die Grundschule. In der ALLE Kinder gemeinsam lernen. Auch die, die später zu funktionellen Analphabeten werden. Die nach der Schule nie wieder ein Buch in die Hand nehmen werden.


    Du setzt das immer so selbstverständlich voraus, dass lesen, Literatur, Sprache Spass macht. Aber das halte ich für grundfalsch. Sprache ist genauso ein spezielles Interesse wie Mathe. Oder Musik. Es ist vielen Menschen völlig egal, wie Literatur sein kann, ob schreiben toll ist. Das interessiert die einfach nicht. Genauso wie dich vielleicht nicht interessiert, wie man ein Haus konstruiert. Oder am besten Tomaten kultiviert.


    Wer es mag, dem sei es freigestellt. Uns unterricht mit binnendifferenzierung zu machen kostet nicht zwangsläufig mehr personal, sondern vielleicht einen anderen Blick auf die kinder. Ich glaube nicht, dass eine bessere personelle Ausstattung der schulen zwangsläufig zu besserem unterricht führt. Es würde wahrscheinlich schon reichen, wenn die stellen, die es jetzt gibt, mit gut ausgebildeten Lehrern besetzt wären


    Dass es Lehrer gibt, die auch schon lesen könnende Kinder zu "Mama mag mimi" nötigen erschreckt mich jetzt allerdings schon ein wenig....

  • Es war geradezu rührend, wie ich zuschauen konnte, wie mein Sohn sich Rechtschreibstrategien zurechtgelegt hat, und diese dann veifiziert und beibehalten oder wieder über Bord geworfen hat

    Und das ist dann der Punkt, wo die schwächeren Kinder nicht mitgenommen werden. Die sind damit einfach überfordert und bleiben obendrein auf der grottigen Rechtschreibung sitzen.

    Trotzdem: Wenn ich entscheiden müsste, was ich wichtiger fände, Rechtschreibung oder die Fähigkeit, durch Worte auszudrücken, was meine Fantasie produziert, würde ich keine Sekunde zögern und die Rechtschreibung hintüberfallen lassen.

    Und das leistet die Lesen durch Schreiben Methode im Gegensatz zur Fibelmethode? Gibts da Untersuchungen?

    Ich glaube, wir sind alle ziemlich nah beieinander mit unseren Ideen. Es gibt nur einige, die sagen: Nehmen wir die Fibelmethode als Grundlage und schaffen daneben noch kreative Schreibanregungen für alle. Und andere, die sagen: Nehmen wir die "neue" Methode, die an sich schon eine einzige kreative Schreibanregung ist, und schaffen daneben eine anständige Rechtschreibvermittlung für alle.


    Letztlich fast das Gleiche, sieht von Nahem auch fast gleich aus, aber von weiter weg betrachtet, stehen da sehr unterschiedliche Grundideen dahinter, was eigentlich vermittelt werden soll.


    Bei gutem, binnendifferenzierten Unterricht sollten eben nicht die "schwächeren Kinder" (oder vielleicht auch einfach die, deren Lernkapazitäten gerade anderweitig gebunden sind) sitzengelassen werden, sondern die Aufgabe wäre es, ihnen die Kompetenzen zu vermitteln und nahezubringen, die sie nicht von sich aus (oder nicht zu diesem Zeitpunkt) mitbringen.


    Dass das schwierig ist - keine Frage bei der Art von Schule, die wir haben. Dass es erstrebenswert ist - finde ich, ist ebenfalls keine Frage.


    Ob es Studien gibt, weiß ich nicht, aber ich meine, dass die Lesen-durch-Schreiben-Methode doch genau von dieser Annahme ausgeht.


    Ich will übrigens ganz sicher nicht zynisch klingen im Anbetracht der Sorge einiger hier, deren Kinder mit der Rechtschreibung allein gelassen wurden. Mir ist schon klar, dass so etwas am Ende z.B. bei der Jobvergabe ein Kriterium sein kann, und dass man daher wütend ist auf Lehrpersonen und System, die den Kindern damit Chancen verbauen. Aber da liegt ja genau der Hund begraben, in meinen Augen. Wer will denn überhaupt, dass unsere Kinder nach solchen oberflächlichen Kriterien sortiert und aussortiert werden?


    Gruß,

    F

    Mal geht es dir schlecht. Dann geht's dir wieder gut. Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut.

  • Mein Problem mit all diesen Gedankenspielen ist, dass Binnendifferenzierung eben nicht funktioniert. Nicht großflächig, völlig egal wie sehr eine Lehrkraft dazu gezwungen wird. Sicher bin ich da extrem geprägt durch die Erfahrung mit meinem großen Sohn und meiner Nichte. Aber ich höre das extrem oft.

    Und da scheitert der gute Wille einfach. #weissnicht

    LG, Kalliope


    Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld! (Prof. Peter Kruse) tap.gif

  • Frisch , aber ist das nicht ein sehr hehres und akademisches Ziel, Menschen zu ermöglichen, sich übers schreiben ausdrücken zu können?


    Ich meine es geht um die Grundschule. In der ALLE Kinder gemeinsam lernen. Auch die, die später zu funktionellen Analphabeten werden. Die nach der Schule nie wieder ein Buch in die Hand nehmen werden.


    Du setzt das immer so selbstverständlich voraus, dass lesen, Literatur, Sprache Spass macht. Aber das halte ich für grundfalsch. Sprache ist genauso ein spezielles Interesse wie Mathe. Oder Musik. Es ist vielen Menschen völlig egal, wie Literatur sein kann, ob schreiben toll ist. Das interessiert die einfach nicht. Genauso wie dich vielleicht nicht interessiert, wie man ein Haus konstruiert. Oder am besten Tomaten kultiviert.

    Bäh, Ihr schreibt zu schnell, da komm ich nicht hinterher.


    Na klar ist das ein hehres Ziel, aber nicht unbedingt akademisch.

    Der Unterschied zwischen Schreiben/Lesen und Tomatenanbau liegt in den Möglichkeiten, die diese Kompetenzen bergen. Nein, ganz, ganz sicher stimmt es nicht, dass Lesen und Schreiben ein spezielles Interesse voraussetzen. Ebensowenig wie Mathe oder Musik. Es geht um Grundbedürfnisse des Homo Sapiens, in meinen Augen. Es gibt zahlreiche Kulturen, die ohne Schrift auskommen, aber keine, die ohne Sprache und Geschichten auskommt. Deshalb finde ich das korrekte Schreibenlernen ja sozusagen "zweitrangig". (Oh, meine Grundschullehrer-Mutter würde mich jetzt vermutlich für verrückt erklären.) Wir Menschen wollen uns ausdrücken. Wir wollen verstanden werden und verstehen. Die Sozialen Medien erzählen diese Geschichte wieder und wieder.

    Ähnliches gilt für Mathe. Alle kleinen Kinder rechnen irgendwann, sie ordnen die Welt (wie viele Kinder lade ich zum Geburtstag ein, haben wir genug Stühle, wie alt werde ich), alle lieben es, Geschichten zu erzählen - wir müssen sie da einfangen. Und keinesfalls ausbremsen. Aber genau das tut die Schule an vielen Stellen, wenn sie nicht den "Flow" nutzt.


    Gruß,

    F

    Mal geht es dir schlecht. Dann geht's dir wieder gut. Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut.

  • Mein Problem mit all diesen Gedankenspielen ist, dass Binnendifferenzierung eben nicht funktioniert. Nicht großflächig, völlig egal wie sehr eine Lehrkraft dazu gezwungen wird. Sicher bin ich da extrem geprägt durch die Erfahrung mit meinem großen Sohn und meiner Nichte. Aber ich höre das extrem oft.

    Und da scheitert der gute Wille einfach. #weissnicht

    Ja, das ist ein Riesenproblem. Aber das macht die Sache an sich nicht falsch. Sollte man nicht also fordern, diese gute Idee weiter auszubauen, statt sie zurückzufahren?


    Ich verstehe, dass Du wünscht, dass bis dahin, bis alles geklärt ist, wenigstens die bewährte Methode genutzt wird, damit nicht eine Generation leiden muss unter der "Experimentierphase". Aber ich glaube, es ist wie mit dem Atomausstieg: Erst, wenn der wirklich da ist, wird an erneuerbaren Energien mit voller Kraft geforscht. Wenn wir Binnendifferenzierung wollen, müssen wir sie fordern, immer wieder und immer mehr davon. Nicht das Gegenteil anordnen und hoffen, dass im Verborgenen Leute ein schönes Konzept entwickeln, das keine Anfangsprobleme mehr hat.


    Gruß,

    F

    Mal geht es dir schlecht. Dann geht's dir wieder gut. Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut.

  • Huhu,


    Und das ist dann der Punkt, wo die schwächeren Kinder nicht mitgenommen werden. Die sind damit einfach überfordert und bleiben obendrein auf der grottigen Rechtschreibung sitzen

    Das ist absolut richtig (- wobei ich oft die erstaunliche Beobachtung mache, dass die genannten Skills offenbar nicht zwingend etwas mit Intelligenz oder sozialem Status zu tun haben. Die Fähigkeit Kompetenzen wie kreatives Denken oder Theoriebildung auszubliden geht quer durch alle Leistungs- und Bevölkerungsschichten.) Nichtsdestotrotz ändert es nichts daran, dass wir die Kids auf eine Zukunft vorbereiten müssen, in denen womöglich nur noch die Kompetenzen gefragt sind, die nicht von Maschinen schneller und effektiver übernommen werden könnten. Und da sind wir als Gesellschaft gefragt. Wie verhindern wir effektiv, dass Kinder so schlechte Startbedingungen haben, dass sie diese Kompetenzen nicht ausbilden können? Wie wollen wir damit umgehen, dass wir in Zukunft weniger fleißige ArbeiterInnen, aber mehr kreativ denkende und sozial kompetente Persönlichkeiten an den Schulen ausbilden? Ich denke, das funktioniert eben nicht mit dem herkömmlichen "Unterricht".


    Mein Problem mit all diesen Gedankenspielen ist, dass Binnendifferenzierung eben nicht funktioniert. Nicht großflächig, völlig egal wie sehr eine Lehrkraft dazu gezwungen wird. Sicher bin ich da extrem geprägt durch die Erfahrung mit meinem großen Sohn und meiner Nichte. Aber ich höre das extrem oft.

    Und da scheitert der gute Wille einfach.

    Ach doch, die funktioniert gut. Es gibt so viele Schulen, die Individualisierung und Differenzierung vormachen und leben. Mag sein, dass es Gegenden in Deutschland gibt, wo es sehr schwierig ist, etwas Passendes zu finden. Ich sehe aber auch jede Woche ganz wunderbare Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, Lernen und Schule nachhaltig zu verändern.


    Ich finde, wir müssen unsere Bauchschmerzen beibehalten, wenn wir eine Methode, die auf die zukunftsträchtigen Kompetenzen setzt, einfach - womöglich per Gesetz, wie grad geschehen - wieder abschaffen, nur weil manche Schulen ihre Bildungskonzepte des 20. Jahrhunderts nicht über Bord werfen möchten. Da läuft doch etwas gewaltig schief. Es muss sich ganz dringend etwas ändern! Sonst werden die Kids mMn nicht nur an der Rechtschreibung scheitern.


    Liebe Grüße


    roma

    Toleranz ist der Verdacht, dass der Andere Recht hat - Kurt Tucholsky

  • Was hätte denn nun mein "richtiges" Vorgehen sein sollen?

    Gleich zu Anfang, verhindern, daß das Kind frei schreibt und es ganz unterbinden oder wenigstens darauf bestehen sollen, daß er mich bei jedem Wort nach der Richtigkeit fragt? Am Ende das Heft nehmen und mit dem Kind alles korrigieren, damit sich keine Fehler einschleichen, die ein Erlernen der Rechtschreibung dann unmöglich machen?


    Bei meinen Kindern (jetzt 9. und 6. Klasse, Bayern) war Schreiben nach Gehör das andere Extrem (ich habe das mehrfach nachgefragt und diskutiert): in der Schule (und auch wir Eltern hatten für zuhause die strikte Anweisung) wurde selbst auf Nachfrage des Kindes, ob das richtig oder falsch geschrieben ist, nicht korrigiert. Ich sollte meinem Kind sagen, ja das hast du richtig geschrieben auch wenn es falsch war. Das habe ich verweigert, mir wurde dann nahegelegt zu sagen, "das ist schon richtig aber es ist nicht so wie es in den Büchern steht".


    Ich habe nicht weiter widersprochen, aber das ist mir nie über die Lippen gekommen, weil ich finde, dass das nur verwirrt und sich das Kind auch verarscht vorkommt.


    Mittelweg war also: nicht aus eigenem Antrieb korrigieren aber wenn das Kind nachfragt, dann sagen/ aufschreiben wie das Wort mit korrekter Rechtschreibung aussieht.


    Ich bin nach wie vor gegen dieses System, man kann doch Einheiten "freies Schreiben" einbauen, wo es eben nicht um die Rechtschreibung geht (man soll aber dann auch bitte akzeptieren, dass es Kinder gibt, die nicht frei schreiben wollen, meine sind solche und es wurde nicht so nett kommentiert, dass ihr Geschichten-Heft quasi leer war) und dann eben Einheiten, wo es darum geht, die Rechtschreibung zu erlernen.


    Und ich muss ja, vor allem am Anfang, nichts durchstreichen, sondern kann bei Fehlern in Farbe die korrekte Schreibweise drüberschreiben und dann das Kind diese farbigen Wörter als Liste drunterschreiben lassen.


    Mein Hauptproblem ist, dass übersehen wird, das viele (auch ich) sich über das Schreiben Dinge einprägen (ich erarbeite mir so auch inhaltliches Wissen), d.h. wenn ich 100 mal ein Wort falsch geschrieben habe, weil mir niemand sagt, dass man das eigentlich anders schreibt, dann bekomme ich das fast nicht mehr aus meinem Speicher.


    In deinem Fall Trin bsit du doch nicht die Lehrkraft, die den Auftrag hat, dem Kind Rechtschreibung beizubringen bzw. musstest du doch keine Hausaufgabe durchsehen, wo es darum ging. Insofern ist bei sowas die Rückmeldung, dass das Kind da etwas ganz Tolles gemacht hat, genau richtig, egal unter welcher Methode das Kind Rechtschreibung erlernen soll. #gruebel

    Viele Grüße
    Elena mit Mini1 (*2004) und Mini2 (*2006)

  • klar funktioniert Binnendifferenzierung. Machen halt nur die Hälfte der Lehrer hier. Hätte mein Kind mit Kusshand entgegen genommen.

    Und es ist unfassbar, wie die ganze Familie darunter leiden kann. Sorry, aber ich will das für kein Kind.

    Ich habe keine Lösung für das Problem, aber es fühlt sich für mich grundfalsch an, Neuerungen einzuführen und psychische Schäden (bei meinem Kind) bzw. fehlende Kernkompetenzen in Kauf zu nehmen. Vielleicht muss man es selbst erlebt haben, um das verstehen zu können.


    Nicht missverstehen: ich fände es ideal, wenn es denn zuverlässig funktionierte. Ich bin da nur reichlich desillusioniert und kehre heute noch Scherben auf.

    LG, Kalliope


    Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld! (Prof. Peter Kruse) tap.gif

  • Hier ging diese Woche das Gerücht rum, dass die Grundschule, nach Rücksprache mit den weiterführenden Schulen und verschiedenen Auswertungen vom Konzept lesen durch schreiben nahezu komplett abrücken will.

    Eine offizielle Info gibt es dazu noch nicht.


    Da bin ich sehr gespannt.

    Kommt für uns leider zu spät. Aber scheinbar sind selbst unsere Lehrer nicht mehr komplett überzeugt von diesem Konzept und sie haben es wirklich sehr extrem durchgezogen.

    Ich schreibe meine persönlichen Erfahrungen und über mein persönliches Umfeld. Manchmal schreibe ich auch davon, was mir Familie oder Freunde so berichten, das steht dann aber dabei.
    Ich schreibe nicht über ein anderes Umfeld oder andere Erahrungen und tatsächlich nicht über ein ganzes Land oder die ganze Welt.
    Dafür bin ich viel zu klein und unwissend, als dass ich der Meinung sein könnte, dass ich weiß, wie es überall so funktioniert. #herzen

  • Kalliope: Nicht missverstehen, ich verstehe dich total. Für meine Kids läuft es nicht anders, Zum Glück sieht die Binnendifferenzierung hier vor Ort so aus, dass das Kind unter der Bank heimlich (damit andere Kids nicht auch auf die Idee kommen) mitgebrachte Bücher lesen darf. Ich setze aber - vermutlich auch von Berufs wegen - andere Prioritäten. Ich sehe immer nur die Riesenwand, gegen die wir als Gesellschaft laufen, wenn wir nicht beginnen, die Schulen zu verändern. Und alles, was einen methodischen Rückschritt zu frontaler Gießkannenbschallung im Gleichschritt bedeutet, sollte tunlichst hundertmal hinterfragt werden, bevor es durchgedrückt wird. Wie in Brandenburg.


    Liebe Grüße


    roma

    Toleranz ist der Verdacht, dass der Andere Recht hat - Kurt Tucholsky

  • naja, Frisch, ich bezweifle, dass man anhand der Freude von Kleinkindern, ihre Gummibärchen zu zählen eine Begeisterung für Mathe ablesen kann. Höchstens, dass sie gewillt sind, in ihrer Welt klar zu kommen. Und dafür brauchen sie zum Glück keine infinitesimalrechnung sondern die grundrechenarten.


    Ähnlich bei Geschichten erzählen. Ok, kiga-kinder denken sich gerne was aus. Aber was hat das damit zu tun, Aufsätze SCHREIBEN zu wollen? Doch rein gar nichts.... Ich kann Ihnen die Fähigkeit mitgeben, sich sprachlich richtig auszudrücken und lesbare Wörter aufs Papier zu bringen. Das ist wichtig. Ob sie jemals gerne schreiben ist dann Talent oder Interesse.


    Ich weiß, dass eigene Geschichten immer was extrem subjektives haben. Aber ich kann für mich und mindestens drei meiner Schulkinder sagen: schreiben müssen ist ätzend. Nie hat es Spaß gemacht, es ist einfach mittel zum Zweck, das man beherrschen sollte. Mehr nicht. Und sowohl ich als auch meine Kinder haben sehr viel und sehr früh unendlich viel vorgelesen bekommen und Kontakt zu Schrift und Text gehabt, einige könnte schon ganz gut lesen und schreiben, als sie in die Schule gekommen sind. Das Kind, das lesen nach Gehör gelernt hat ist übrigens dasjenige, das schreiben immer am meisten gehasst hat. Dieses Kind hat nie auch nur ein Wort mehr geschrieben als nötig.


    Nein, schreiben ist kein Grundbedürfnis aller Menschen. Es ist eine kulturtechnik, die beherrschen sollte, wer in unserem Leben hier Fuß fassen will. Mit einigermaßen korrekter Rechtschreibung.