Gesundheitsminister will Situation für psychisch Kranke weiter verschlechtern - Petition

  • Ja. Aber es bedeutet, dass Volkes Stimme gehört und bedacht werden muss.


    "Wird eine Petition innerhalb von vier Wochen nach Eingang (bei öffentlichen Petitionen rechnet die Frist ab der Veröffentlichung im Internet) von 50.000 oder mehr Personen unterstützt, wird über sie im Regelfall im Petitionsausschuss öffentlich beraten. Der Petent wird zu dieser Beratung eingeladen und erhält Rederecht."


    Danke dir!

    Liebe Grüße #sonne


    ... dann leuchten Sterne weit in der Ferne silbern und hell ...

  • Theoretisch könnte ich es mir da als hilfreich ausmalen, wenn es Verteilungsstellen gibt, die kompetent und erfahren Menschen auch nach Dringlichkeit möglichst gut vermitteln und auch Therapie und Bedarf an Kapazitäten vorab einschätzen können. - Und im Zweifelsfalle auch Menschen mit geringeren Beschwerden (nicht dauerhaft, aber in einer Situation, in der die Versorgung nicht für alle sofort ausreicht vorerst) zunächst Zugänge zu Hausärzten mit Schwerpunkt, Bücher- und Internetprogrammen zu verschaffen.

    Meine Erfahrung ist: Menschen mit psychischen Erkrankungen gehen oft sehr spät zu einer Psychotherapeutin. Dass da welche ankommen, die keine behandlungsbedürftige Störung haben, ist enorm selten. So eine Vorsortierung würde also wahrscheinlich nur 2% der Leute wegschicken - dafür müssen aber auch die anderen 98% ihre Geschichte zwei Mal erzählen, was ihnen erfahrungsgemäß sehr schwer fällt. Dazu kommt: Wenn ich als Therapeutin 25 Therapiestunden in der Woche anbieten kann, davon aber schon 4 an die Sprechstunde fallen, dann wird meine Arbeitszeit für Therapie real reduziert. Auch vorher hätte ich ja die 2% aussortiert und ihnen in der Probatorik gesagt, dass sie mE keine behandlungsbedürftige Störung haben. Nur die anderen hätte ich nicht wegschicken müssen, sondern weiterbehandelt. Denn Probatorik biete ich nur an, wenn ich einen freien Platz habe.

    Dann ist da die Frage der Dringlichkeit. Ich finde die absurd. Denn letztlich geht sie von der Idee aus, dass man psychische Störungen nach Dringlichkeit sortieren könne. Aber was wären das für Sortierfaktoren? Ist schlimm= dringlich? Oder schwer? Oder wird sich ohne Behandlung wahrscheinlich verschlimmern? In der Realität finde ich es enorm zynisch jemandem, der nach 10 Jahren Panikattacken endlich den Weg in die psychotherapeutische Praxis findet, zu sagen, das sei nicht dringlich und könne nun ja auch noch 6 Monate warten.

    Außerdem: In diesen 6 Monaten kämen dann ja andere "dringliche" Fälle - woher sollen denn in dieser Wartezeit plötzlich mehr Therapieplätze kommen?


    Das Problem ist also, dass es aktuell keine wissenschaftlich abgesicherten Kriterien gibt, nach denen eine solche Vorsortierung stattfinden könnte. Auch für die Zuordnung zu Therapieverfahren oder gar einzelne TherapeutInnen, die der Sortierende dann vornehmen soll, gibt es keinerlei Kriterien (von wenigen Ausnahmen mal abgesehen). Letztlich würde die freie TherapeutInnenwahl außer Kraft gesetzt.


    Was mit "Hausärzten mit Schwerpunkt, Bücher- und Internetprogrammen" gemeint ist, weiß ich nicht. Hausärzte haben in meiner Welt keine Zeit für längere Gespräche. Sie sind auch nicht psychotherapeutisch geschult. Die Leute dahin zu schicken heißt also wahrscheinlich: Medikamente geben. Und Bücher und Internetprogramme sind zwar schön und gut, ersetzen aber keine Psychotherapie. Mir scheint es, als solle der ja letztlich teure Faktor Beziehung, der erwiesenermaßen am meisten für die Heilung in Psychotherapien verantwortlich ist, gespart werden. Aber in einer Welt, die an Einsamkeit und sich selbst leidenden Menschen Apps anbietet, statt jemanden, der ihnen beisteht, möchte ich nicht leben.

    So bitter es ist, scheinen wir hier als wohlhabende Gesellschaft ja knappe Mittel für den hohen Bedarf an psychischer Versorgung zu haben. Wie geht man damit denn um? Was soll stattdessen getan werden?

    Mehr Kassensitze schaffen. Die Versorgungsplanung überarbeiten. Die Idee verabschieden, das Gesundheitssystem müsse wirtschaftlich arbeiten.

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    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von tulan ()

  • Danke tulan


    Ich frag mich, ob Deine Gedanken, zeitlos , dieselben gewesen wären, wenn es sich um den Fachbereich der Kardiologie oder der Onkologie handeln würde. Das soll kein Angriff sein, ich glaube aber, dass wir die Versorgung somatischer Leiden immernoch auf eine höhere Stufe stellen als die der psychischen.

    Fiawin mit d9be2134.gif
    age.png


    Ich habe beschlossen, mich ab sofort vollkommen gesund und süßigkeitenfrei zu ernähren.

    Ich esse nur noch schnell die Reste auf.

    Weltweit.


    Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.


    Lass die Hoffnungswaschmaschine laufen!

  • Ich denke auch, psychische Erkrankungen werden leicht so abgetan. Ist ja schon spannend, dass die Idee zusammen mit erstzugangsrecht für Physiotherapie diskutiert. Physio macht man ja nicht zum Spaß, Psychotherapie aber schon? Grundsätzlich gibt es ja auch die neue Sprechstunde in der Patienten angeschaut und weiter geschickt werden sollen falls kein therapiebedarf besteht.

    Es gibt so viele Bereiche in denen die Psychotherapie wichtig und hilfreich ist und zwar nicht immer in maximaler stundenanzahl. Beispielsweise reduziert sie die Schubfrequenz bei MS (Umgang mit Stress und Belastung verbessern, krankheitsmanagment). Schlafstörungen werden schnell besser und Ängste sind manchmal am Anfang so schnell und einfach zu reduzieren. Aber dafür ist kein Hausarzt und auch sonst niemand Experte.

    Die Frage ist doch, warum sollen die Experten für viele Fragestellungen rund um Körper und Psyche weniger Verantwortung und Entscheidungsgewalt bekommen? Wir lassen doch auch keinen Psychotherapeut filtern ob jmd zum Hausarzt gehen darf oder doch lieber selber klar kommen oder beim Therapeuten in Behandlung gehen soll.

    Grundsätzlich ist es wohl relativ schwer für die große Gruppe der somatischen Fachärzte die Psychotherapeuten als facharztgruppe anzuerkennen. Das erlebt man auch krass bei der Debatte um Veränderungen rund ums Psychologie Studium. Eigentlich geht es um professionalisierung, die Debatte handelt aber hauptsächlich vom Thema, das sind aber keine Ärzte * mit dem Fuß aufstampf“. Zumindest ist das mein Eindruck als selten Leser.

  • Fiawin bezüglich deiner Gedanken: ich bin ja persönlich sehr großer Fan des Hausarzt-Prinzips (wie bsp in England), wo dann geschaut wird welcher Facharzt bzw Ärzte sich dann damit befassen. Würde das also zb bei der Kardiologie etc durchaus für sinnvoll erachten. (Wenn es gut funktioniert).

    Aber ich finde es gerade im psychischen Bereich absolut unangebracht und nicht durchführbar. Wer sich psychologische Hilfe sucht ist in Not und MUSS gehört werden. Das lässt sich nicht in der kürze durch Messwerte und Tsbellen in eine Form pressen. Im Gegenteil, ich halte das für sehr gefährlich. Habe also auch unterzeichnet.


    Was es wirklich braucht ist ein Ausbau der psychischen Versorgung

  • bezüglich deiner Gedanken: ich bin ja persönlich sehr großer Fan des Hausarzt-Prinzips (wie bsp in England), wo dann geschaut wird welcher Facharzt bzw Ärzte sich dann damit befassen. Würde das also zb bei der Kardiologie etc durchaus für sinnvoll erachten. (Wenn es gut funktioniert).

    Du weißt aber schon, dass es in meinem Beitrag nicht darum geht, oder? Mir ist das wichtig.

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  • Keine Ahnung was du mir sagen willst (ist aber auch ein extremer kack Tag heute), im Prinzip sage ich doch nur -selbst wenn man es in einem Bereich für sinnvoll halten könnte, so würde ich es dennoch im Bereich der Psychotherapie für fatal halten. Ich dachte da wären wir sogar einer Meinung #confused ist ja auch egal, hätte dich nicht zitieren sollen. Ich hab es ja unterzeichnet und weiter verbreitet zu mehr bin ich jetzt nicht in der Lage

  • viele gute Beiträge - ich freue mich


    ich finde deine Frage zeitlos sehr berechtigt und die Antwort von Tulan dazu sehr gut.


    Schon 80.000 Stimmen #applaus

  • Ich unterschreibe komplett bei Tulan.


    Ich bin ja selbst niedergelassene Psychotherapeutin und wir klagen auch regelmäßig gegen die nicht verfassungsmäßige Bezahlung usw., da liegt einiges im Argen.

    Mir drängt sich zwangsläufig der Verdacht auf, dass durch dieses Gesetz aus Sicht von Herrn Spahn ganz tolle Dinge passieren würden:

    die Hemmschwelle für Psychotherapie wird größer -> weniger Menschen gehen hin -> die Wartezeiten werden kürzer -> die dringend nötige neue Bedarfsplanung mit mehr Zulassungen für Psychotherapeut*innen ist plötzlich gar nicht mehr so dringend -> und billiger wird es dann auch noch, tschakka! Ist doch super #rolleyes


    Kleines Gedankenspiel: Man hat einen komischen Fleck auf der Haut. Geht zum Steuerungsbeauftragen für Hautärzte (weil die Hautärzte selber haben ja keine Ahnung ob jemand Behandlungsbedarf hat oder nicht #yoga) und der sagt: Na ja, das ist zwar ein bisschen doof aber noch nicht so schlimm wie großflächiger Hautkrebs, da muss man jetzt erstmal nichts machen. Und Tschüss.


    Unvorstellbar, oder? Genau das hat man aber mit uns Psychotherapeutinnen vor.

  • Ach Leute, ich danke für eure Antworten.

    Mir geht es ganz anders damit, als es wirkt.


    Ich könnte kotzen in Gesundheitsökonomie. Diese ganze scheiße in der Welt belastet mich oft so. Und ich kann es nicht fassen, dass wir da sind, dass wir so schwimmen, dass wir so eine scheiße berechnen - berechnen, wie viel Geld es wert ist, dass es einem Menschen so und so viel besser geht.

    Es fühlt sich so bodenlos an.

    Und irgendwie steht man dann aber mit der Welt, dort wo sie ist, oder?
    Und dann stecke ich entweder den Kopf in den Sand, oder ich gehe Schritt für Schritt.


    Und nein, ich finde es nicht grundsätzlich falsch eine Anlaufstelle für alle zu haben, die weitervermittelt und damit schon eine Richtung bezüglich des Behandlungsbedarfs einschlagen kann. Und unter den Bedingungen finde ich es auch nicht falsch zu priorisieren. Und ich fände schrecklich, wenn Menschen die Behandlung verwehrt würde
    Und ja, ich finde es verdammt wichtig, dass Menschen niedrigstschwelligen Zugang zu psychischer Versorgung, individuell ausgesuchte, wirksame Hilfsangebote, Therapeuten und Therapien zu haben, mehr Budget dafür zur Verfügung zu stellen.


    Aber was steht denn in dem Gesetzestext...nicht so viel...

    Und was ist jetzt einfach die realistische Annahme, die in dem Gedanken darüber hinaus gemacht wird, die irgendwelche politischen Strömungen und sonst was berücksichtigt. - was ja auch wichtig ist!



    Fiawin , mir ist keine Behandlung wichtiger, als die psychischen Leidens, ich weiß nicht, ob mir irgendwas mehr am Herzen liegt, als das Menschen in unserer Welt lernen ihren Weg zu gehen, damit wie die Dinge kommen.

  • das Menschen in unserer Welt lernen ihren Weg zu gehen, damit wie die Dinge kommen.

    #blink

    Fiawin mit d9be2134.gif
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    Ich habe beschlossen, mich ab sofort vollkommen gesund und süßigkeitenfrei zu ernähren.

    Ich esse nur noch schnell die Reste auf.

    Weltweit.


    Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.


    Lass die Hoffnungswaschmaschine laufen!

  • Es gibt ja auch längst Beratungsstellen, es gibt die Hausärzte, die für viele erste Ansprechpartner sind. Ist ja eh so, dass die wenigsten von alleine anfangen, irgendwo anzurufen, weil die Hemmachwelle so groß ist und das Denken, dass man das "schon irgendwie schafft". Da das alles da ist für die, die das möchten, kann es nicht um.eine.bessere Versorgung gehen. Und steuern kann man das glaube ich ganz schlecht. Und ich finde das auch überflüssig, es müssen halt alle mit Bedarf behandelt werden - und das sind mehr, als wir denken, die meisten merken es doch selber nicht...

    Liebe Grüße,


    Ich, mit Tochter (2/06) und tochter (12/07).

  • Diese "Erstberatung und -verteilung" gibt es mit den seit verpflichtend abzuhaltenden vier Sprechstunden für Neu-Patienten bereits.


    sandra Wo bist du niedergelassen?

    Sunna mit M. (00), A. (03), J. (07) und J. (14)

  • tulan , du schreibst: "Mehr Kassensitze schaffen. Die Versorgungsplanung überarbeiten. Die Idee verabschieden, das Gesundheitssystem müsse wirtschaftlich arbeiten."


    In meiner Großstadt sind 3 freie sitze. Und ein Kollege hört zum Jahresende auf und gibt seinen Sitz der kv zurück, weil er keinen Nachfolger findet.

  • Zitat

    Man hat einen komischen Fleck auf der Haut. Geht zum Steuerungsbeauftragen für Hautärzte (weil die Hautärzte selber haben ja keine Ahnung ob jemand Behandlungsbedarf hat oder nicht #yoga) und der sagt: Na ja, das ist zwar ein bisschen doof aber noch nicht so schlimm wie großflächiger Hautkrebs, da muss man jetzt erstmal nichts machen. Und Tschüss.

    danke für dieses beispiel!

  • Drei freie Sitze in einer Großstadt? #blink


    Wenn hier ein Sitz verkauft (!) wird, bewerben sich mindestens 20 Leute.

    Sunna mit M. (00), A. (03), J. (07) und J. (14)

  • Danke tulan


    Ich frag mich, ob Deine Gedanken, zeitlos , dieselben gewesen wären, wenn es sich um den Fachbereich der Kardiologie oder der Onkologie handeln würde. Das soll kein Angriff sein, ich glaube aber, dass wir die Versorgung somatischer Leiden immernoch auf eine höhere Stufe stellen als die der psychischen.

    Hmm, gerade bei Kardiologie könnte ich mir aber vorstellen, dass Patienten die eigentlich unter Panikattacken und Engegefühl leiden, dies auch als koronale Beschwerden fehldeuten und fälschlicherweise direkt beim Kardiologen aufschlagen. Ebenso gibt es sicherlich psychische Beschwerden, die organisch bedingt sind (schilddrüse etwa), ein Hausarzt könnte das per Bluttest ausschließen.