Kind wünscht sich Spenden-Patenschaft -- was meint ihr?

  • Ich finde das echt ein schwieriges Thema und komme sogar im weiteren Sinne aus dem Bereich. Liege mit meiner Meinung aber bei Fiawin und Polarlicht . Wenn man sich mit postkolonialen Studien etwas beschäftigt, findet man sehr viel dazu - und ich muss sagen, das hat meine Einstellung schon nachhaltig geändert.

    Und obwohl ich aus persönlicher Erfahrung weiß, dass Plan wirklich gute Arbeit macht, finde ich gerade deren Marketing wirklich katastrophal!

    Ich würde also, wie Fiawin, versuchen den Wunsch der Tochter zu ergründen und dann zu schauen, welche Alternativen es gibt.

  • Wir unterstützen die Partnerschule unserer Kinder in Simbabwe, in dem Projekt hängt noch ein KH und ein Waisenhaus. Die Partnerschaft wird intensiv gelebt, es kommen Lehrer und Schüler hierher und umgekehrt und es gibt über das Jahr verteilt immer wieder Aktionen zum Spenden sammeln.


    Über einen postkolonialen Aspekt des Patensystems habe ich mir bisher noch nie Gedanken gemacht... #gruebel

    Viele Grüße
    Elena mit Mini1 (*2004) und Mini2 (*2006)

  • Fia und Polarlicht haben besser ausgedrückt, worum es mir geht. Und auch Bougainvillea. Ich weiß, dass das wenig nützt, aber mein Hauptproblem ist, dass ich letztlich weiter nur einen Appel und ein Ei für diverse Dinge zahle (Essen, Kleidung, Genussmittel ...) mich dann aber durch Spenden als toll hinstelle. Dabei wird das postkolonialistische, paternalistische System nicht in Frage gestellt, die Armen bleiben weiter arm. Leider weiß ich aber keine gute Alternative dazu (außer eben so viel wie möglich fair und bio zu kaufen). Nicht spenden ist ja auch nicht besser.


    Daneben finde ich diese Art des Marketings mit den großen Kinderaugen einfach widerlich. Ich bekomme aus irgend einem Grund immer wieder Briefe von Plan international, ungefragt, mit Fotos von mich mit großen Augen anstaunenden, Schwarzen Kindern. Ich würde nicht wollen, dass meine Töchter so abgelichtet und vermarktet werden. Egal für welchen Zweck.

  • Für die Werbekampagnen werden übrigens zu 85% Fotos von Kindermodels verwendet, das ist im Grunde nichts anderes als Werbung für Schokolade oder Kleidung. Lediglich die Detailsbilder aus den Gegenden, in denen gehlfen wird, zeigen Kinder, die dort leben.

    Natürlich ist das Tränendrüsenmarketing - aber außer über ihre Emotionen erreicht man Menschen nun mal nicht in ausreichend großer Zahl.


    Ich kann die unguten Gefühle gut nachvollziehen, finde aber, dass es sehr priviligierte Gedanken sind, die die Lebensrealität der Menschen außer Acht lässt.

    Ganz platt ausgedrückt: Jemand, der keinen Zugang zu Trinkwasser hat oder sein 12jähriges Kind für einen Acker und ne Kuh verkaufen muss, um durchzukommen, hat andere Probleme als dass die Familie angehalten wird, einmal im halben Jahr einen Brief an die Paten zu schreiben.


    Natürlich wäre es schöner, hätte die westliche Welt diese Probleme nie verursacht und/ oder verstärkt. Hat sie aber nun mal.
    Es liest sich etwas unschön, wenn Organisationen, die effektiv und nachhaltig (!) helfen, vorgeworfen wird, dass sie so vorgehen, dass möglichst vielen Menschen geholfen werden kann.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • Ja tulan , genau das meine ich.

    Daher auch Corvidae : Ich bezog mich dabei explizit auf Plan und andere Organisationen, die entsprechendes Marketing betreiben. Denn das ist für mich Neokolonialismus pur. Weil es Potential zur Bevormundung bietet (was nicht passieren muss, aber kann) und zudem das Bild des armen, hungernden Kindes aus Afrika (mal sehr verkürzt gesagt) reproduziert. Das ist mMn kein guter Umgang mit der ja real existierenden Ungleichheit.


    Ohnezahn Der / Mein Vorwurf an die Organisationen, der hier ja explizit wird, dient eher dazu, implizit Kritik an der Notwendigkeit dieser Psychologisierung zu üben. Es ist ja nicht so, dass Orgas die anderes Marketing betreiben, weniger gute Arbeit leisten würden. Und für mich wäre ein sensibler Umgang mit dem Thema Postkolonialismus ein wichtiges Kriterium, der Organisation zu vertrauen. Weil ich diesen Umgang und die Reflexion schon erwarten würde, von Leuten die tagtäglich in diesem Feld arbeiten. Von daher ist es sehr bedauerlich, dass die Massen nur mit dem Tränendrüsenmarketing erreicht werden können anscheinend.

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  • Ich kann die unguten Gefühle gut nachvollziehen, finde aber, dass es sehr priviligierte Gedanken sind, die die Lebensrealität der Menschen außer Acht lässt.

    Ganz platt ausgedrückt: Jemand, der keinen Zugang zu Trinkwasser hat oder sein 12jähriges Kind für einen Acker und ne Kuh verkaufen muss, um durchzukommen, hat andere Probleme als dass die Familie angehalten wird, einmal im halben Jahr einen Brief an die Paten zu schreiben.

    Ich finde, da machst du einen großen Vorwurf, indem du behauptest, etwas paternalistisch zu finden, sei selbst Privileg meines Weißseins. Ich sehe das nicht so. Ich habe in Westafrika Menschen kennen gelernt, die sehr wohl ausgesucht haben, was sie taten und was nicht. Die Stolz hatten - und nichts zu essen. Ich finde es paternalistisch, von hier aus zu behaupten, dass wir wissen, welche Probleme eine solche Familie hat - und welche eben nicht.


    Wo du meines Erachtens recht hast, ist, dass es noch schlechter wäre, nichts zu machen. Dann besser eine Patenschaft. Aber warum es von den Vereinen nicht erwartet werden kann, sich besser und würdevoller zu vermarkten - das sehe ich nicht.


    Zitat

    Es liest sich etwas unschön, wenn Organisationen, die effektiv und nachhaltig (!) helfen, vorgeworfen wird, dass sie so vorgehen, dass möglichst vielen Menschen geholfen werden kann.

    Letztlich ist doch die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Darf ich, um jemanden zu helfen, diese Person in rassistischer Weise darstellen? Und wenn ja: Nur ein bissel rassistisch? Oder auch doller? Wo wäre die Grenze?

    Darf ich, um jemandem zu helfen, Wände mit Bildern plakatieren, die in D lebende Schwarze als beschämend empfinden? Darf ich Stereotype fortschreiben und festigen? Kann etwas, das so vorgeht, überhaupt im eigentliche Sinne nachhaltig (also emanzipativ, selbstermächtigend) sein?


    Ob die Organisationen nachhaltig helfen (und wenn ja, nach welchen Kriterien), weiß ich nicht. So richtig nachhaltig kann es nicht sein, sonst gäbe es die Probleme nicht mehr. Aber das kann man wohl kaum Plan vorwerfen, die können auch nicht retten, was wir alle verbocken. Diese Macht haben sie nicht, selbst wenn 50% der Deutschen Patenschaften übernähmen. Letztlich sind sie eben eine Hilfsorganisation - und niemand, der eine Revolution plant.

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  • tulan, der Punkt ist der, dass die Familien diese Patenschaft ja nicht ungefragt aufgedrückt bekommen, sondern sich darum bewerben - sie möchten diese Hilfe offenbar, ihre Entscheidung ist getroffen.

    Da beißt sich die Katze für mich in den Schwanz, zu überlegen, ob die gewünschte Hilfe vielleicht zu paternalistisch sei.


    Ich müsste mal bewusster auf die Plan-Werbung achten. Die letzte, die ich bekam, hatte den Schwerpunkt Bildung für Mädchen, in dem Prospekt kann ich mich nicht an rassistische Darstellung erinnern, es waren auch mitnichten nur schwarze Kinder abgebildet, sondern ganz unterschiedliche Mädchen, meist in der Schule, mit Stift oder Buch, wenn ich es richtig im Kopf habe, alle sehr positiv dargestellt. (Aber das ist jetzt rein aus dem Gedächtnis.)

    Grundsätzlich halte ich es für legitim, übers Emotionale an die Menschen heranzutreten.


    Ich werde mal bewusst darauf schauen. Mir fällt da immer ein sehr unangenehmer Werbespot ein, bei dem ich die Kritik absolut nachvollziehen kann, ich erinnere mich aber nicht, von welcher Organisation der ist.

    Der frühe Vogel wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, dass die Katze am Morgen noch wach ist.



  • tulan, der Punkt ist der, dass die Familien diese Patenschaft ja nicht ungefragt aufgedrückt bekommen, sondern sich darum bewerben - sie möchten diese Hilfe offenbar, ihre Entscheidung ist getroffen.

    Da beißt sich die Katze für mich in den Schwanz, zu überlegen, ob die gewünschte Hilfe vielleicht zu paternalistisch sei.

    Warum? Das wäre doch nur der Fall, wenn es entweder viele Auswahlmöglichkeiten gäbe und man die für sich am besten passende Hilfe aussuchen könnte, oder wenn man sie schlicht nicht brauchen würde. Wie freiwillig sich Familien entscheiden und was da an Auswahlprozess durchlaufen wird - darüber weiß ich leider gar nichts und kann daher auch nichts Fundiertes dazu schreiben.

  • Ich kann die Gedanken von Euch schon verstehen, aber auch ich bin darauf reingefallen und habe für jedes meiner (im Überfluss aufwachsenden) Kinder eine Patenschaft für ein Kind abgeschlossen, das leider nicht die gleichen Voraussetzungen hat.


    Ob mein Geld sinnvoll verwendet wird, das weiß ich übrigens bei den anderen Spendenorganisationen auch nicht.

    Und wenn ich die Wahl hab zwischen dem Brunnen, der nach 2 Monaten wegen mangelnder Wartung nicht mehr geht, der Safari, die die Zahnärzte ohne Grenzen gemacht haben, weil sie vor Ort aufgrund mangelnden Bestechung keine Arbeitserlaubnis erhielten oder dem Studium, dass ich einem Kind nun finanzieren kann, dann finde ich das letzte noch am nachhaltigsten.

    - ich bin nicht die Connibuchautorin -

  • Mata non grata Wo kann ich nachlesen was du hier behauptest?


    Ich finde am Handy weder etwas unter "Ärzte ohne Grenzen Safari spenden", noch wenn ich hinter spenden gelder setze, noch wenn ich "Ärzte ohne Grenzen kritik" google...

  • Das sind zwei Fälle aus meinem engsten Freundeskreis.


    Edit: und es war nicht Ärzte ohne Grenzen, siehe oben. Zu denen kann ich nichts sagen.

    - ich bin nicht die Connibuchautorin -

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  • Weil hier mehrfach geschrieben wurde, dass es sich da um eine Marketingmaßnahme handelt und weil ich vermutlich nicht und auf jeden Fall nicht so regelmäßig dort spenden würde, wenn ich nicht eine gewisse Verbundeneit und auch ein Verantwortungsgefühl den Kindern gegenüber entwickelt hätte.

    - ich bin nicht die Connibuchautorin -

  • Wir haben/hatten seit Jahren zwei Patenschaften bei Thara India. Die Briefe zu Ostern und Weihnachten fand ich immer seltsam, sehr unpersönlich und extrem christlich. Und ich fand es schwierig, darauf etwas Passendes zu antworten, vor allem auf englisch.

    Aber der Junge hat mich letztes Jahr über Facebook gefunden, er geht jetzt auf eine berufsbildende Schule. Wir zahlen weiter bis er seinen Abschluss hat, er freut sich wirklich, weil ihn sonst niemand sponsern würde. Bei ihm freue ich mich echt, wie weit er gekommen ist und dass wir ihn unterstützen konnten.

    Das Mädchen ist Nonne geworden, diese Patenschaft haben wir dann beendet, weil sie nicht mehr benötigt wird. Da frage ich mich im Nachhinein, ob ihr klar war, dass sie auch andere Perspektiven gehabt hätte.

  • Weil hier mehrfach geschrieben wurde, dass es sich da um eine Marketingmaßnahme handelt und weil ich vermutlich nicht und auf jeden Fall nicht so regelmäßig dort spenden würde, wenn ich nicht eine gewisse Verbundeneit und auch ein Verantwortungsgefühl den Kindern gegenüber entwickelt hätte.

    Danke für die Erklärung. Das ist eigentlich das, was ich gut finde: Diese Verbindlichkeit.


    Nessaja, ist das ein christlicher Verein, dieses Thara India?

  • Okay, es war "Zahnärzte ihne Grenzen", und die haben sich von Spendengeldern einfach nur nen schönen (Safari) Urlaub finanzier?

    Kurzfassung ja, wobei in der langen Version war es durchaus geplant, dort zu arbeiten und danach noch einen Urlaub (auf eigene Kosten) dranzuhängen. Da das Arbeiten dann vor Ort kurzfristig nicht geklappt hat und sie schon da waren und frei hatten, ist an dem ganzen auch nichts verwerfliches. Es ist einfach blöd gelaufen oder war schlecht organisiert, wie bei den Brunnen eben auch. Sowas kommt nicht nur bei Spendenorganisationen vor, sondern nahezu überall, siehe Berliner Flughafen, Stuttgart 21 etc.

    Was aber im Ergebnis trotzdem nichts daran ändert, dass die Spenden nicht dort angekommen sind, wo sie was geholfen hätten.


    Edit: und bei Thara India ist Angelo, der das vor Ort macht, sehr christlich. Finde ich auch nicht sooo toll, aber wir haben dort auch zwei Patenkinder, weil es ein sehr kleiner Verein ist, bei dem ich das Gefühl habe, es kommt viel am Ziel an.

    - ich bin nicht die Connibuchautorin -

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  • tulan : Der Verein Thara India ist aus der Nürnberger Gegend und meines Wissens nicht ausdrücklich christlich. Der Kontakt mit denen ist sehr sehr nett. Die Ansprechpartnerin kümmert sich echt, wenn man Fragen hat. In Indien vor Ort ist TRACE India zuständig, Ansprechpartner ist Angelo Didla, wie von Mata non grata oben erwähnt. Das Waisenhaus vor Ort, wo er arbeitet, ist wohl christlich. Die Kinder schreiben immer wieder, sie schließen dich in ihre Gebete ein und so Zeug. Ich denke, das sind seine Textvorschläge ;-)

    Hier ist die Homepage vom Verein: http://www.thara-india.com/

    Und Angelo Didla findet man auch auf Facebook.

  • Vielen Dank für Eure vielen Meinungen und Erfahrungen. Nun habe ich viel nachzudenken und mit meinem Mann und meinem Kind zu besprechen.


    Der Wunsch kommt, das kann ich schon sagen, daher, dass sie sich wünscht, die herrschende Ungerechtigkeit abzumildern. Die Idee, einem Mädchen dabei zu helfen, zur Schule zu gehen/nicht verkauft zu werden/nicht früh verheiratet zu werden spricht sie dabei an, weil sie es so ungerecht findet, dass ihre Selbstverständlichkeiten nicht für alle Kinder selbstverständlich sind. Die Werbung von Plan (in ihrer Kinderzeitschrift!) spielt natürlich eine Rolle. Aber der Wunsch ist schon gut begründet und authentisch.


    Sie hat auch ihren Bruder (und mich) überzeugt, dass wir dieses Jahr keinen Baum zu Weihnachten kaufen und isst bewusst weniger Fleisch und beeinflusst/hinterfragt unsere Kaufentscheidungen im Alltag.

    mit '8, '9 und '16 unterwegs #rabe

    und '11 und '14 im Herzen #herz

  • Es gibt ja neben Plan auch viele andere Möglichkeiten für Patenschaften. Nur weil man diese Institution kritisch sieht (oder durchaus sehen muss), heißt es ja nicht, dass Patenschaften per se was Schlechtes sind.