Grammatikfrage im Alltag

  • "Paulchen ist abgeholt"


    Ist das grammatikalisch falsch?


    Jemand sagt mir, das sei falsch, es müsste entweder "Paulchen wurde abgeholt" oder "Paulchen ist abgeholt worden" lauten.


    Also Vergangenheitsformen....

    Ich meine, ich kann auch den aktuellen Zustand beschreiben.... "Paulchen ist .... "

    Dann ist abgeholt kein Verb sondern ein Adverb?


    Grammatikalisch vergleichbar wäre "Uschi ist geschieden" vs. "Uschi wurde geschieden"

    Da wird sogar ein semantischer Unterschied deutlich.... Beim ersten lebt Uschi im genannten Beziehungsstatus. Im zweiten bezieht sich die Aussage auf den Prozess in der Vergangenheit. Möglich wäre es, dass sie erneut geheiratet hat...


    Sehe ich das richtig? Oder bin ich völlig dabbisch?



    Ihr könnt gerne andere Beispiele erläutern

    "Immer die Wahrheit zu sagen, wird nicht viele Freunde einbringen, jedoch die Richtigen."

  • Ich kenne das auch aus der Betreuung aber ich finde es klingt falsch bzw. Umgangssprachlich.

    Abgeholt ist auch eigentlich kein Zustand aus der Sicht eines normalen Menschen, abholen dauert ja nur ein paar Minuten.

    Aus Hortsicht gibt es aber abgeholte und nicht abgeholte Kinder. Ich denke, das ist eine sehr spezifische Sicht von Betreuern.

    Aus Elternsicht ist mein Kind nie abgeholt. Entweder ist es bei mir oder im Hort.

  • Da muss ich nochmal drüber nachdenken.

    Hier im kiga rufen das oft die Kinder, wenn ein Elternteil auftaucht.

    Und da sehe ich es als falsch an, es müsste “wird“ heißen.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Möwe () aus folgendem Grund: “nachdenken“ eingefügt.

  • Für mich hört es sich auch falsch bzw. umgangssprachlich an. Grammatisch kann ich es nicht erklären, aber "abgeholt sein" ist in meinen Augen keine Eigenschaft, die einer Person dauerhaft anhaftet (wie "Paulchen ist krank"), sondern es geht doch darum, dass Paulchen schon abgeholt worden ist, daher würde ich das auch sagen - "Paulchen wurde schon abgeholt".

    "Every day, in every vay, ve get better and better."

  • Für mich hört es sich auch falsch bzw. umgangssprachlich an. Grammatisch kann ich es nicht erklären, aber "abgeholt sein" ist in meinen Augen keine Eigenschaft, die einer Person dauerhaft anhaftet (wie "Paulchen ist krank"), sondern es geht doch darum, dass Paulchen schon abgeholt worden ist, daher würde ich das auch sagen - "Paulchen wurde schon abgeholt".

    Als Nichtmuttersprachlerin seh ich das auch so. Geschieden sein ist ein Dauerzustand. Abgeholt werden ein Vorgang, der nur kurz andauert, da muss also ein "wurde" hin...

    Umgangssprachlich im Rahmen einer Betreuung würde es mich allerdings gar nicht stören, da kommt noch ganz anderes (bei hessischem "das ist mir" schüttelt es mich immer innerlich #angst)...

    LG H. mit J. (15,5) und S. (bald 10)

  • Aus der Sicht einer Erzieherin ist "abgeholt" aber schon ein Zustand, der mehrere Stunden (vom Abhol-Zeitpunkt bis zum Ende der Öffnungszeiten des Kindergartens) andauert.


    Bei uns rufen die Kinder "Paulchen wird abgeholt" wenn ein Elter auftaucht.

  • Wer Mal einen Nachmittag in meiner Klasse verbringt, der weiß, dass abholen durchaus auch ein langer Zustand sein kann.... Nämlich dann, wenn paulchens Mutter erst mich und Paulchen begrüßt, dann aber sich irgendwo hinsetzt, und das Kind noch ewig spielt.... Dann ist das Kind zwar da, aber eben schon "abgeholt" aber nicht mehr unter meiner Aufsicht....

    "Immer die Wahrheit zu sagen, wird nicht viele Freunde einbringen, jedoch die Richtigen."

  • ich verstehe, was du meinst und kann das als zustandbeschreibung aus sicht des hortes durchaus als korrekt sehen.

    "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“


    Pfarrer Martin Niemöller

  • Korrekt wäre "Ist abwesend" als Zustandsbeschreibung.

    "Ist abgeholt" ist einfach die Kurzfassung von "Ist (bereits) abgeholt (worden)".

    DIe Kids im Kiga machen sichs hier noch einfacher: Paaaaaauulcheeeenn! Aaaaabgehoooolt!" :D

    Lass Dich nicht vom Bösen überwinden sondern überwinde das Böse mit Gutem.

  • Zustandspassiv: Das Passiv wird nicht mit dem Hilfsverb „werden“ gebildet, sondern mit dem Hilfsverb „sein“. Man spricht auch von dem sein-Passiv. Diese Passivform wird verwendet, um einen Zustand auszudrücken:

    Du bist abgeholt.



    Der Satz ist korrekt.

    Fiawin mit d9be2134.gif
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    DSC_0459_zps3belkjmj.jpg


    Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.


    Wer Extremitäten hat, kann keine Kugel sein.


    Lass die Hoffnungswaschmaschine laufen!

  • Wer Mal einen Nachmittag in meiner Klasse verbringt, der weiß, dass abholen durchaus auch ein langer Zustand sein kann....

    Korrekt wäre "Ist abwesend" als Zustandsbeschreibung.

    Ich bin da ganz bei Leslie Winkle . Ein Kind kann sich durchaus noch im KiGa aufhalten. Aber da die Eltern da sind, endet für den Erzieher die Aufsichtspflicht.


    Hier rufen die Kids: "Paulchen, (Du bist) abgeholt".

    Ja, klingt doof, aber wirklich verkehrt finde ich es aus oben genannten Gründen nicht.

    Yeza


    ... Ein Strom der sich alles einverleibt,

    taumeln, stürzen, in der Leere schweben...

  • Ich mag das überhaupt nicht, wird aber bei uns im Kindergarten auch benutzt. #rolleyes Allerdings nur von den Kindern. Ich kann es mir dann oft nicht verkneifen: "Paulchen wird abgeholt." Oder ein "Paulchen wird abgeholt worden sein".


    Zustandspassiv kann es ja nicht sein, da der Vorgang ja noch andauert. #gruebel Zumal es mir entgegen gebrüllt wird, wenn ich komme.

  • ich kann mich ja bekanntlich über alles mögliche aufregen :D, aber darüber jetzt nun so gar nicht.

    "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“


    Pfarrer Martin Niemöller

  • "Du bist abgeholt" ist deswegen komisch als Zustandspassiv, weil die Sprecherin, also die Erzieherin, das zu einem abgeholten Kind eigentlich nicht mehr sagen kann, weil es weg sein müsste, wenn sie das sagt. Deswegen halte ich es auch für umgangssprachlich. "Wo ist X? Er ist abgeholt." halte ich für korrekt.

    Liebe Grüße von Alusra
    #rose


    Manchmal braucht man keine Tipps. Manchmal braucht man nur einen
    Zuhörer, der an den richtigen stellen "Hmmm" sagt und auch alles blöd
    findet.


  • Aber je länger ich drüber nachdenke, desto komischer finde ich es. Ich würde eher sagen, er ist schon weg. Aber im Hort, wenn es die Kategorie abgeholt/nicht abgeholt gibt, völlig OK.

    Liebe Grüße von Alusra
    #rose


    Manchmal braucht man keine Tipps. Manchmal braucht man nur einen
    Zuhörer, der an den richtigen stellen "Hmmm" sagt und auch alles blöd
    findet.


  • Ist aus den og. Gründen falsch, aber gängiger Kindergartenjargon. Würde ich auch sagen. Vielleicht wird es ja durch häufigen Gebrauch mal als richtig erklärt.

  • Ich würde sagen, es passt, wenn "abgeholt" nicht die gängige Bedeutung hat, sondern ein terminus technicus aus dem Betreuungswesen mit abweichender Bedeutung ist.

    "Every day, in every vay, ve get better and better."

  • Ist aus den og. Gründen falsch, aber gängiger Kindergartenjargon. Würde ich auch sagen. Vielleicht wird es ja durch häufigen Gebrauch mal als richtig erklärt.

    Darüber habe ich mir auch gerade Gedanken gemacht. Da es ja offensichtlich so häufig verwendet wird, wird es bestimmt früher oder später lexikalisiert.


    Susan Sto Helit  #top

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