Gedichte - Lyrik-Nerds? SLP

  • Liebe Raben,


    ich liebe Gedichte. Eigentlich schon immer, obwohl sie nicht immer gleich präsent sind. Ende 2018 habe ich Jan Wagner für mich entdeckt, was eine große Lust über den Autor hinaus ausgelöst hat. Im letzten Jahr habe ich als selbstgewählte "Challenge" jeden Monat ein Gedicht auswendig gelernt, das hat mir großen Spaß gemacht - und zur Anschaffung mehrerer neuer Lyrik-Bände geführt. (Hilde Domin zum Beispiel, die vorher immer an mir vorbeigegangen war.)

    Ich könnte gar nicht sagen, welches Lieblingsgedicht oder welche*n Lieblingsdichter*in ich habe, meine Begeisterung reicht von Ringelnatz bis Rilke, von Catull bis Kaleko. Schöne, besondere, berührende oder technisch beeindruckende Gedichte gibt es viele. Manche "verstehe" ich intuitiv (dass ich eine Idee habe, welche Gestaltungsmerkmale zur Wirkung beitragen) andere muss ich mir erarbeiten. (Wenn ich sie verstehe kann ich sie mir viel leichter merken.)
    Wahrscheinlich ein sehr altmodisches Faible. Teilt es jemand?

    Es ist nicht lebensnotwendig, aber ohne Gedichte wäre meine Welt ärmer, blasser, kleiner.


    (Eines mag ich euch grad dalassen, das mich heute gefunden hat - urheberrechtlich unproblematisch, dafür auf englisch, wofür ich auch ein Faible habe. Nein, ich habe nicht vor, mich bald endgültig einzuschiffen - aber wenn, dann so:)


    Crossing the Bar (Alfred Lord Tennyson)


    Sunset and evening star,

    And one clear call for me!

    And may there be no moaning of the bar,

    When I put out to sea,


    But such a tide as moving seems asleep,

    Too full for sound and foam,

    When that which drew from out the boundless deep

    Turns again home.


    Twilight and evening bell,

    And after that the dark!

    And may there be no sadness of farewell,

    When I embark;


    For tho' from out our bourne of Time and Place

    The flood may bear me far,

    I hope to see my Pilot face to face

    When I have crost the bar.

    Ich arbeite ausSCHLIESSlich mit meinem Gehirn!


    there´s nothing left in my right brain. there´s nothing right in my left brain.

  • Ich lerne sie nicht auswendig, aber ich mag sie auch. Ich würde Deiner Liste jetzt erst mal Auden hinzufügen!


    Musee des Beaux Arts

    W. H. Auden

    About suffering they were never wrong,

    The old Masters: how well they understood

    Its human position: how it takes place

    While someone else is eating or opening a window or just walking dully along;

    How, when the aged are reverently, passionately waiting

    For the miraculous birth, there always must be

    Children who did not specially want it to happen, skating

    On a pond at the edge of the wood:

    They never forgot

    That even the dreadful martyrdom must run its course

    Anyhow in a corner, some untidy spot

    Where the dogs go on with their doggy life and the torturer's horse

    Scratches its innocent behind on a tree.

    In Breughel's Icarus, for instance: how everything turns away

    Quite leisurely from the disaster; the ploughman may

    Have heard the splash, the forsaken cry,

    But for him it was not an important failure; the sun shone

    As it had to on the white legs disappearing into the green

    Water, and the expensive delicate ship that must have seen

    Something amazing, a boy falling out of the sky,

    Had somewhere to get to and sailed calmly on.


    oder dieses

    In Memory of W. B. Yeats

    W. H. Auden, 1907 - 1973

    Code

    I

    He disappeared in the dead of winter:

    The brooks were frozen, the airports almost deserted,

    And snow disfigured the public statues;

    The mercury sank in the mouth of the dying day.

    What instruments we have agree

    The day of his death was a dark cold day.

    Far from his illness

    The wolves ran on through the evergreen forests,

    The peasant river was untempted by the fashionable quays;

    By mourning tongues

    The death of the poet was kept from his poems.

    But for him it was his last afternoon as himself,

    An afternoon of nurses and rumours;

    The provinces of his body revolted,

    The squares of his mind were empty,

    Silence invaded the suburbs,

    The current of his feeling failed; he became his admirers.

    Now he is scattered among a hundred cities

    And wholly given over to unfamiliar affections,

    To find his happiness in another kind of wood

    And be punished under a foreign code of conscience.

    The words of a dead man

    Are modified in the guts of the living.

    But in the importance and noise of to-morrow

    When the brokers are roaring like beasts on the floor of the

    Bourse,

    And the poor have the sufferings to which they are fairly

    accustomed,

    And each in the cell of himself is almost convinced of his

    freedom,

    A few thousand will think of this day

    As one thinks of a day when one did something slightly unusual.

    What instruments we have agree

    The day of his death was a dark cold day.


    II

    Code
    You were silly like us; your gift survived it all:
    The parish of rich women, physical decay,
    Yourself. Mad Ireland hurt you into poetry.
    Now Ireland has her madness and her weather still,
    For poetry makes nothing happen: it survives
    In the valley of its making where executives
    Would never want to tamper, flows on south
    From ranches of isolation and the busy griefs,
    Raw towns that we believe and die in; it survives,
    A way of happening, a mouth.

    III

  • Danke, das Museum sagt mir sehr zu.


    Letztes Jahr war ich in Hay-on-Wye in Wales und habe mit einer Frühstücksbekanntschaft, einem misanthropischen älteren UKIP-Unterstützer, sehr angeregt über Gott und die Welt gestritten (was sonst gar nicht meine Art ist), bis wir auf Gedichte zu sprechen kamen und dazu auf einmal gar nicht mehr konträre Standpunkte hatten. Er konnte mich mit seinem Vortrags-Talent überzeugen und ich erinnere mich gern an diese Begegnung.

    Ich arbeite ausSCHLIESSlich mit meinem Gehirn!


    there´s nothing left in my right brain. there´s nothing right in my left brain.

  • Englische Gedichte kann ich nicht beisteuern, aber ich mag Jan Wagner und seine Gedichte. Zum Beispiel das hier:


    nicht zu unterschätzen: der giersch

    mit dem begehren schon im namen – darum

    die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch

    wie ein tyrannentraum.

    kehrt stets zurück wie eine alte schuld,

    schickt seine kassiber

    durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,

    bis irgendwo erneut ein weißes wider-

    standsnest emporschießt. hinter der garage,

    beim knirschenden kies, der kirsche: giersch

    als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

    geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch

    schier überall sprießt, im ganzen garten giersch

    sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

  • Hallo,


    da mir in meinem Alltag oft die Ruhe fehlt, um Gedichte zu lesen (ich brauch da jedenfalls Ruhe), habe ich vor Kurzem ein paar Gedichtbände aus dem Regal gezogen und sie neben das Klo gelegt. Das hat sich als sehr gut herausgestellt, das werde ich beibehalten. Aktuell liegen dort Rilke und Rolf Dieter Brinkmann ...


    Mein Sohn erzählte mir, in den Känguru-Apokryphen stehe, dass auch Marc-Uwe Kling auf dem Klo Rilke läse.


    Gruß,

    F

    Mal geht es dir schlecht. Dann geht's dir wieder gut. Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut.

  • Mascha Kaleko!

    Rezept

    Jage die Ängste fort
    Und die Angst vor den Ängsten.
    Für die paar Jahre
    Wird wohl alles noch reichen.
    Das Brot im Kasten
    Und der Anzug im Schrank.

    Sage nicht mein.
    Es ist dir alles geliehen.
    Lebe auf Zeit und sieh,
    Wie wenig du brauchst.
    Richte dich ein.
    Und halte den Koffer bereit.

    Es ist wahr, was sie sagen:
    Was kommen muß, kommt.
    Geh dem Leid nicht entgegen.
    Und ist es da,
    Sieh ihm still ins Gesicht.
    Es ist vergänglich wie Glück.

    Erwarte nichts.
    Und hüte besorgt dein Geheimnis.
    Auch der Bruder verrät,
    Geht es um dich oder ihn.
    Den eignen Schatten nimm
    Zum Weggefährten.

    Feg deine Stube wohl.
    Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
    Flicke heiter den Zaun
    Und auch die Glocke am Tor.
    Die Wunde in dir halte wach
    Unter dem Dach im Einstweilen.

    Zerreiß deine Pläne. Sei klug
    Und halte dich an Wunder.
    Sie sind lang schon verzeichnet
    Im grossen Plan.
    Jage die Ängste fort
    Und die Angst vor den Ängsten.

    (aus: Die paar leuchtenden Jahre)


    Sunna mit M. (00), A. (03), J. (07) und J. (14)

  • Ich liebe Gedichte auch sehr! Besonders mag ich Kaleko, aber auch Rilke, Erich Fried, Erich KästnerPablo Neruda.... Gedichte begleiten mich schon mein ganzes Leben.

  • Ich mag Poe, Tennyson, Blake. Ich kann mir vielen Dichtern vom Fluss her nichts anfangen, ich bleibe lieber bei einer kleinen Auswahl, derer die ich schön finde.



    Kitten (36) with Tiger (35) and Tiger-Cub, the cleverest (6)


    Lachen macht lustig.8o


  • @Sakuko...ich bekomme das zweite nicht sinnvoll hin ? falls du das aus der Hüfte schießen kannst, freue ich mich über eine Übersetzung.

    Gruß omega.

  • Offizielle deutsche Version:


    Der Lehm und der Kiesel


    Liebe sucht nicht ihr Begehr,
    Hat um sich nicht irgend Not,
    Gibt ihre Ruh dem andern her
    Und baut einen Himmel der Hölle zum Spott.


    Ein kleiner Klumpen Lehm so sang,
    Der von den Küh‘n getreten ward,
    Doch ein Kiesel auf dem Hang
    Sang den Vers auf diese Art:


    Liebe sucht nur ihr Begehr,
    Bind‘t den andern an ihr Sein,
    Freut sich, bringt sie ihm Beschwer,
    Und baut eine Hölle in den Himmel hinein.


    Kitten (36) with Tiger (35) and Tiger-Cub, the cleverest (6)


    Lachen macht lustig.8o


  • Lyrik


    das Nichtwort


    ausgespannt

    zwischen


    Wort und Wort.






    Finde ich mit die schönste Beschreibung von Gedichten. Von Hilde Domin.

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

    ---

    demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen

    Willy Brandt, 1969

  • Danke für den Thread.


    Ich liebe Lyrik auch. Einen besonderen Zauber üben auf mich die Gedichte Emily Dickinsons aus. "Sämtliche Gedichte. Übersetzt von Gunhild Kübler" (zweisprachige Ausgabe) stehen immer neben meinem Bett.


    Für heute zum Frühlingsanfang (?) ein beschwingendes Gedicht von Rose Ausländer mit einem Gruß an @Suzanne#blume


    Nicht fertig werden

    Die Herzschläge nicht zählen

    Delphine tanzen lassen

    Länder aufstöbern

    Aus Worten Welten rufen

    horchen was Bach

    zu sagen hat

    Tolstoi bewundern

    sich freuen

    trauern

    höher leben

    tiefer leben

    noch und noch

    nicht fertig werden


    Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.


    Kurt Tucholsky (Schloß Gripsholm)

    2 Mal editiert, zuletzt von Marienkaefer ()

  • Zitat

    „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber / wo ich bin will ich nicht bleiben, aber / die ich liebe will ich nicht verlassen, aber / die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber / wo ich lebe will ich nicht sterben, aber / wo ich sterbe, da will ich nicht hin / bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“

    Thomas Brasch

  • Für heute zum Frühlingsanfang (?) ein beschwingendes Gedicht von Rose Ausländer mit einem Gruß an Suzanne

    Das ist ja lieb #herzen.


    Und witzigerweise passt das Gedicht auch so gut zu meiner Stimmung zur Zeit..dankeschön!

  • Ich bin auch ein Lyriknerd ^^ und ich lerne auch auswendig, aber nicht bewusst, sondern durch viele Male lesen. In der Grundschule waren es als erstes "Die Entwicklung der Menschheit" von Kästner und "Die Selbstkritik" von Busch, die beiden gehören bis heute zu meinen Lieblingsdichtern. Dazu kommen Heine, Brecht, Gioccanda Belli, Ulla Hahn, Villon, Orhan Veli Kanik, Nazim Hikmet... Und so weiter ^^ ich sprenge wohl den Beitrag wenn ich von jedem ein Gedicht poste:D

  • Ich bin auch ein Lyriknerd ^^ und ich lerne auch auswendig, aber nicht bewusst, sondern durch viele Male lesen. In der Grundschule waren es als erstes "Die Entwicklung der Menschheit" von Kästner und "Die Selbstkritik" von Busch, die beiden gehören bis heute zu meinen Lieblingsdichtern. Dazu kommen Heine, Brecht, Gioccanda Belli, Ulla Hahn, Villon, Orhan Veli Kanik, Nazim Hikmet... Und so weiter ^^ ich sprenge wohl den Beitrag wenn ich von jedem ein Gedicht poste:D

    Spreng ruhig den Rahmen und schreibe ein paar! ^^#herz