Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod .... Und er Dativ tötet auch dem Akkusativ?

  • Angenommen, eine Süddeutsche und ein Norddeutscher sprechen beide Standard was Vokabular, Aussprache und Grammatik angeht, so hört man doch meistens an der Sprachmelodie woher jemand etwa kommt. Ist es denn wirklich so, dass die norddeutsche Sprachmelodie "richtiger" oder "mehr Standard " ist als die süddeutsche? Sind ja Kleinigkeiten wie bestimmte Dehnungen von Vokalen oder ob ein Konsonant weiter vorne gebildet wird oder weiter hinten und ob man mit der Stimme hoch oder runter geht.

  • Ist es denn wirklich so, dass die norddeutsche Sprachmelodie "richtiger" oder "mehr Standard " ist als die süddeutsche?

    Das weiß ich nicht.


    Hamburger sagen gerne "tschüüüüs" mit lang gesprochenem ü, wohingegen mit mal eine Chemnitzerin sagte, dass sie eher "Tschüssss" mit kurzem ü kennt. Eine Kollegin hingegen, die aus der Nähe vom Zwickau kommt, sagt immer "tschüssi".

    Standard wäre wohl eher sowas wie "Auf Wiedersehen" oder "Bis bald" (mein Vater sagte noch hamburgisch "bis die Tage").


    #weissnicht


    LG,

    Anne

    "Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben" ~ Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier im Norden werden Ortsnamen oft auf der zweiten Silbe betont. Das ist für mich ganz ungewohnt.

    Nothing is permanent.

    Everything is subject to change.

    Being is always becoming.

  • Angenommen, eine Süddeutsche und ein Norddeutscher sprechen beide Standard was Vokabular, Aussprache und Grammatik angeht, so hört man doch meistens an der Sprachmelodie woher jemand etwa kommt. Ist es denn wirklich so, dass die norddeutsche Sprachmelodie "richtiger" oder "mehr Standard " ist als die süddeutsche?

    Nein, denn eben: es gibt den "richtigen" Standard nicht.


    Ich erkenne auch Sprecher*innen aus der Region Hamburg (nicht so sicher wie andere Regionen, ich brauche nämlich eineN Referenzsprecher*in). Die haben durchaus ihre Eigenheiten.

    Übrigens haben wir uns auf unserem Städtetrip nach Hamburg glaube ich ganz wacker geschlagen, auf meinem Teller lag zumindest immer, was ich bestellte. ;)


    Ich mag es aber auch wirklich, wenn ich beim Hören oder Lesen eine regionale Besonderheit erkenne.


    Liebe Grüsse


    Talpa

  • Für mich haben Leute aus Hamburg, bzw. Leute weiter aus dem Norden, auch eine etwas andere Aussprache. Woher das jetzt so genau kommt, weiß ich nicht. Vielleicht sind da noch kleine Reste von der ehemaligen plattdeutschen Sprache, aber das sind echt nicht mehr viele. Vielleicht auch eher die Sprachmelodie.


    Auf der Webseite, die ich vor einigen Seiten verlinkt habe, fand ich es aber ganz interessant. Nämlich, dass das Plattdeutsch (bzw. Niederdeutsch) eine andere Sprache ist. Zur Standardsprache wurden die hochdeutschen Dialekte aus Mittel- und Süddeutschland. Da die Menschen in Norddeutschland bisher eine andere Sprache gesprochen haben, haben sie die neue Standardsprache wie eine Fremdsprache gelernt und so ausgesprochen, wie sie geschrieben wird. Weil in der Standardsprache die Dialekte schriftlich nicht dargestellt sind, entwickelte sich in Norddeutschland die Standardsprache ohne "extreme" Dialekte wie im südlichen Sprachraum.


    Hier, wo ich herkomme, wurde in den dörflichen Gebieten westlich und nördlich noch vor 50-100 Jahren viel Plattdeutsch gesprochen. Wie es jetzt dort ist, weiß ich nicht. Meine Oma hat früher in der Familie und auf dem Dorf so geredet. Da meine Oma (sie war Jahrgang 1914) auf Gymnasium gehen durfte, trotz Kind vom Dorf, hat sie im Gymnasium mit dem Plattdeutsch sprechen aufgehört. Sie hat es auch ihren Kindern nicht beigebracht. Meine Mutter und ihre Geschwister können das zwar verstehen, aber nicht sprechen. Ich habe meine Oma als Kind nicht verstanden wenn sie mit ihren Geschwistern geredet hat. Ich habe sie besser verstanden, je mehr Englisch ich in der Schule gelernt habe. Meine Oma konnte übrigens auch sehr gut Englisch.

    Meine andere Oma ist in Hannover aufgewachsen (Jahrgang 1899) und konnte kein Plattdeutsch. Sie hat einfach normales Standarddeutsch gesprochen.

    In Hannover direkt gibt es eine Mundart "Hannöversch", die wurde aber wohl eher in den Arbeitervierteln gesprochen.


    Ansonsten wird hier in der Gegend, das bezieht sich auf den Großraum Hannover-Celle-Braunschweig, wirklich einfach so gesprochen, wie geschrieben wird. Wie schon auch von mir erwähnt, waren einige österreichische Musikerkolleg*innen sehr überrascht, dass wir hier so ziemlich wie in der Tagesschau sprechen.

  • neben unterschieden in der Sprachmelodie unterscheidet sich auch die Aussprache bestimmter Vokale, Konsonanten und Endungen.

    Ich sage zum Beispiel "Keese" statt Käse, "Fanne und Fau" statt Pfanne und Pfau, bei Milch ist das L nicht zu hören (und hören klingt bei bei eher wie "höan"). Im Süden greift in der Regel auch die Auslautverhärtung beim G nach hellen Vokalen (König vs Könich), während es dafür in manchen Regionen nur ein weiches und ein hartes B gibt. Das sind die größten Unterschiede, die mir so im Alltag aufgefallen sind. Dazu kommt noch die Betonung, ich habe 12 Jahre in Baden gelebt, dort steht der 'Karton aufm 'Balkon vorm 'Büro aus 'Beton, also immer die erste Silbe betont mit kurzer zweiter und stimmlosen Vokal, ich betone die zweite Silbe mit langem stimmhaften Vokal

    Shevek und das meinte ich mit Standard ist ein theoretisches Konstrukt. Geschrieben sieht's - von regional spezifischen Formulierungen abgesehen - tatsächlich überwiegend einheitlich aus, aber spätestens beim Lesen färbt es sich in meinem Kopf mit meiner Aussprache

  • (mein Vater sagte noch hamburgisch "bis die Tage").

    Das ist Hamburgerisch? Ich kenne das von meinem Vater, und der kommt aus Westphalen. Ich dachte immer, das sei Westdeutsch.


    Das mit der Aussprache hier im Norden habe ich ja regelmäßig im Unterricht.

    Da bringe ich ihnen bei, dass das billig und Mutter heißt, und sie hören auf der Straße "billich" und "Mudda".


    Ida: Gibt es denn für reine Standarddeutsch keine Ausspracheregeln? Ich habe immer mal welche in den Deutschbüchern und dachte, dass das so das richtige, nicht regional gefärbte Deutsch sei.


    Kiez höre ich hier in Hamburg kaum. Ich dachte, das käme aus Berlin.

    It all started with the big BANG!


    (Big Bang Theory)

    2 Mal editiert, zuletzt von Shevek ()

  • neben unterschieden in der Sprachmelodie unterscheidet sich auch die Aussprache bestimmter Vokale, Konsonanten und Endungen.

    Ich sage zum Beispiel "Keese" statt Käse, "Fanne und Fau" statt Pfanne und Pfau, bei Milch ist das L nicht zu hören (und hören klingt bei bei eher wie "höan"). Im Süden greift in der Regel auch die Auslautverhärtung beim G nach hellen Vokalen (König vs Könich), während es dafür in manchen Regionen nur ein weiches und ein hartes B gibt. Das sind die größten Unterschiede, die mir so im Alltag aufgefallen sind. Dazu kommt noch die Betonung, ich habe 12 Jahre in Baden gelebt, dort steht der 'Karton aufm 'Balkon vorm 'Büro aus 'Beton, also immer die erste Silbe betont mit kurzer zweiter und stimmlosen Vokal, ich betone die zweite Silbe mit langem stimmhaften Vokal

    Shevek und das meinte ich mit Standard ist ein theoretisches Konstrukt. Geschrieben sieht's - von regional spezifischen Formulierungen abgesehen - tatsächlich überwiegend einheitlich aus, aber spätestens beim Lesen färbt es sich in meinem Kopf mit meiner Aussprache

    Danke, Ida, genau das meinte ich. Und das ist den norddeutschen Standardsprechern, denke ich, weniger bewußt. Zumindest lese ich das bei Euch, Annie und Shevek heraus. Sorry wenn ich mich täusche. Also, dass Kese und fertich eben genauso wenig Tagesschau-Sprache ist, wie das was im Süden so als Standard gesprochen wird. Bzw. dass beides richtig ist.

  • Danke, Ida, genau das meinte ich. Und das ist den norddeutschen Standardsprechern, denke ich, weniger bewußt. Zumindest lese ich das bei Euch, Annie und Shevek heraus. Sorry wenn ich mich täusche. Also, dass Kese und fertich eben genauso wenig Tagesschau-Sprache ist, wie das was im Süden so als Standard gesprochen wird. Bzw. dass beides richtig ist.

    Du ließt es raus, es steht da nur nicht.
    Weder Annie noch ich schreiben etwas davon, dass es so "richtig" ist. Wir schreiben nur, wie es in Hamburg ist. Das ist doch eher deine Unterstellung, hanna.

    Kann es sein, dass du von Norddeutschen automatisch das erwartest, was du bei uns dann rausließt?



    jascha: Und was hat das jetzt mit dem von Ida angesprochenen reinen Standarddeutsch zutun?

    Mir scheint, dass ihr da irgendwas als selbstverständlich voraussetzt, was ich dann immer nur hoffe richtig zu erahnen.


    Sie meinte ja, dass reines Standartdeutsch ein Konstrukt sei, das niemand spricht. Wenn es ein Konstrukt ist, dann gibt es das aber. Es gibt also eine Aussprache von "billig" und "Vater" im reinen Standarddeutsch.

    Soll der Link nun dieses reine Standarddeutsch beschreiben?

    Dann bin ich persönlich da recht nahe dran.


    Ich komme aber zum einen aus dem Raum um Hannover, und zum anderen spreche ich sehr wie ich schreibe, was wohl eher daran liegt, dass ich mehr ein visueller als ein auditiver Typ bin.


    Mit Hamburg hat das wenig zutun, hat hier aber auch wirklich niemand behauptet.

    It all started with the big BANG!


    (Big Bang Theory)

  • Ich wollte nur sagen, die Aussprache -ich für die Endung -ig am Wortende ist zumindest in der oberen Hälfte von D. richtig (sagt zumindest der Duden, andere Nachschlagewerke habe ich nicht bemüht). Es wäre also nicht nötig auf -ig zu bestehen... kann man ja aber halten, wie man möchte :-)

    There is a crack in everything. That's how the light gets in.
    - Leonard Cohen

    Einmal editiert, zuletzt von jascha ()

  • Offenbar ist man hier damit deutlich toleranter... wer nicht gerade Tagesschausprecherin werden möchte, darf ruhig etwas dialekteln - das meinte ich weiter oben: es wird nicht so sehr in "ungebildet" oder "gebildet" eingeteilt.


    Ich weiss, dass es in D anders läuft, behalte mir aber dennoch vor, den Verlust von Dialektvielfalt zu bedauern. Ich finds schade.


    Liebe Grüsse


    Talpa

  • Ich glaube, in dem Beitrag ging es eher darum, dass jemand sich dann uU garnicht verständlich machen kann (es gibt einfach Dialekte, die nicht von jedem verstanden werden), nicht um fehlende Toleranz gegenüber ein bisschen oder auch etwas mehr dialekteln, so habe ich es zumindest verstanden.


    Mich würde in dem Zusammenhang interessieren, ob in der Schweiz jede*r alle Dialekte verstehen kann? Also jetzt mal auf die deutschsprachige Schweiz bezogen, und ohne die Standardsprache einzubeziehen. Verstehen sich alle Dialektsprecher untereinander?


    Dass Dialekte verlorengehen, finde ich auch schade.

    There is a crack in everything. That's how the light gets in.
    - Leonard Cohen

    2 Mal editiert, zuletzt von jascha ()