Schreibprobleme typisch für Legastheniker?

  • Liebe Raben,


    mein Sohn (3. Klasse) ist Legastheniker und schreibt langsam und mit wenig Ausdauer. Immer öfter kann man kaum entziffern, was er schreibt (Gekritzel). Ist das ein typisches Symptom der Legasthenie bzw. bei vielen Legasthenikern so?


    Es stehen von Lehrerseite zusätzliche Schreibübungen für Wochenende und Ferien im Raum und wenn er Abschreibübungen nicht schafft, muss er sie am Wochenende nachholen. Das ist zu viel für ihn. Ich würde gerne dagegen argumentieren. Mein Mann sagt, er braucht vielleicht das Training um irgendwann mehr schreiben zu können. Ich glaube, das bringt nur Frust und noch mehr Abneigung.



    Liebe Grüße, MaFu

  • Unabhängig von Legasthenie oder vielleicht auch als Teilgebiet des LRS Komplexes gibt es Menschen mit dysgraphia (ich kenne nur den englischen Fachbegriff). Dabei geht es um Menschen, die mit dem Schreiben an und fuer sich Probleme haben und nicht nur mit der Rechtschreibung. Manche haben Probleme Worte zu Papier zu bringen, andere Probleme, die Buchstaben zu formen. Dazu gibt es bestimmte Trainingsmöglichkeiten und Wege das zu verbessern. Welche Wege geeignet sind, Ist da auch abhängig davon, womit das Kind nun genau Probleme hat.

    We know our children best, when we know ourselves best;

    they chose the most authentic version of who we are.

    ~a.joy~

  • Meine erste Idee war:

    Was sagt denn ein Ergotherapeut dazu?


    Ist die Händigkeit klar?

    Wie sind Stift und Körperhaltung?

    Welche Lineatur nutzt er?

    (Bei Schreibproblemen finde ich gerade die 3. Klässler Lineatur furchtbar.)


    Meine 2. Idee war:

    Wann war er das letzte Mal beim Augenarzt?


    Und zum Schluss:

    Hat er LRS Therapie?

    Was sagt die dazu?

  • Hallo,


    wir waren ewig bei der Ergo, aber ich weiß tatsächlich nicht, ob die Schreibmotorik auch bearbeitet wurde. Es ging mehr um Handlungsplanung und dergleichen. Da werde ich nochmal nachhaken.


    Die Augen sind soweit OK. Wir haben auch Augentraining gemacht. Da müssen wir aber vielleicht nochmal ran.


    LRS-Therapie macht er auch seit ein paar Wochen. Da muss ich auch nochmal nachfragen.


    Ich habe hier gefragt, weil ein Gespräch mit der Lehrerin bevorsteht. Dabei geht es um die Gestaltung des Nachteilsausgleiches. Da gibt es bisher nichts, weil die Diagnose sehr neu ist.


    Liebe Grüße, MaFu

  • Also ich denke, du solltest dich dringend mit dem LRS-Therapeuten zusammensetzen und besprechen, was er für den Nachteilsausgleich vorschlagen würde. Also sowas wie nacharbeiten und viel extra Schreibübungen, die nicht explizit vom LRS-Therapeuten kommen, sehe ich kritisch-genau eben weil es Frust bringt. Mich würde generell interessieren, welches Konzept die Schule bei LRS-Kindern verfolgt. Ich hab in meiner Klasse auch einige gehabt, die sich sehr vorm Schreiben gefürchtet haben, finde es also nicht so ungewöhnlich.

  • Hallo.


    Handlungsplanung ist genau das, was man beim Schreiben in Massen braucht. ;)

    Ich würde da die Ergo noch mal kontaktieren und evtl um einen Bericht bitten.


    Schreibübungen: das kann ja alles mögliche sein

    Stumpf abschreiben wird nicht helfen.

    Wenn Übungen, dann quasi noch mal Schreibschriftlehrgang bzw. Einzelne Buchstabenverbindungen.

    murkel hatte da, glaube ich, mal Seiten verlinkt

    Also Motorik vom Inhalt entkoppeln.


    Andere Lineatur wäre auch ein Nachteilsausgleich.

    Und in meinen Augen bedeutet „nicht benoten“ auch „nicht mit Rotstift korrigieren“


    Meinem Mann hat schon als Kind geholfen, zum Schreiben den PC zu nutzen.

    Auch das wäre ein möglicher Nachteilsausgleich zumindest für Hausaufgaben.


    Ein Schulpsychologe könnte dich evtl. unterstützen, den Nachteilsausgleich zu verhandeln.

    Google nach Nachteilsausgleich + eurem Bildungsministerium bringt häufig Handlungshilfen für Lehrer zu Tage.


    LG

    Brina

  • Hallo,
    aus Therapeutensicht: Schreibübungen ja, aber die richtigen. Nicht extra von der Schule.
    Warum Schreibübungen: weil eine flüssige Handschrift wichtig ist. Solange ich noch nachdenken muss, wie ein Buchstabe geschrieben wird, kann ich kaum nachdenken, wie das Wort orthographisch geschrieben wird.

    _Ab_ schreibübungen machen in dem Stadium u.U. überhaupt gar keinen Sinn, weil sie nicht das trainieren, was eigentlich nicht passt. Kurz: Wenn Dein Kind noch nicht alle Buchstaben automatisiert hat (in diesem Fall die Laut - Buchstabenzuordnung) hängt es an einer ganz anderen Stufe. Grundsätzlich ist das Ergebnis einer Abschreibübung eher eine Frage des Gedächtnisses. Das macht LRS technisch erst mal wenig Sinn.

    Also: Schreibübungen ja, aber technisch: flüssig und leserlich.

    Es gibt dazu Heftte (Stichwort: Schulze Brüning), das würde ich aber mit dem Therapeuten absprechen, weil es schon ganz hilfreich ist, dazu auch ein paar Schwungübungen (geht auch im Sand und so) zu machen.

    An unserer Schule werden Kinder mit Nachsteilsausgleich (Notenschutz) mit Grünstift bewertet und bekommen je nach Symptombild mehr Zeit oder Aufgaben vorgelesen.

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
    Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!
    (mascha kaleko)

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  • Welche Schreibschrift lernt er? Falls VA würde ich mich mal mit den Problemen der VA beschäftigen und da gezielt versuchen, diese anzugehen. Diese Schrift lädt geradezu dazu ein, zu entgleisen wenn die Kinder anfangen schneller zu schreiben. Schau mal auf der Webseite con Frau Schulze Brüning

  • Aus der Arbeit mit Kindern mit Rechtschreibschwäche kann ich bestätigen, dass viele dieser Kinder eine schlechte Schrift haben - anteilig mehr als gute Rechtschreiber.

    Generell beobachte ich, dass sich Stress häufig negativ auf das Schriftbild auswirkt.


    Stures Üben von Diktaten ist bei Legasthenikern sowie kontraproduktiv. Es müssen Strategien gelernt und geübt werden, sonst übt man nur das Fehler machen.

    Gleiches wird für die schrift gelten: da sollte ein Ergotherapeut drauf gucken und gezielt an der Ursache arbeiten, ansonsten sind reine Abschreibübungen doch nur eine Qual.

    I feel like procrastinating... but I think I'll wait.

  • Wenn das Kind bei einem Lerntherapeuten ist, sollte dieser sich mit Schrifttraining auch auskennen. Dafür sollte es keine weitere Extra-therapie benötigen, es sei denn die Ursache liegt in der Hand/ Stifthaltung.

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
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    (mascha kaleko)

  • Aus der Arbeit mit Kindern mit Rechtschreibschwäche kann ich bestätigen, dass viele dieser Kinder eine schlechte Schrift haben - anteilig mehr als gute Rechtschreiber.

    Ich habe heutzutage ehrlich gesagt die Vermutung, dass zumindest bei einem nicht unerheblichen Teil die Rechtschreibprobleme durch die schlechte Schrift (mit)verursacht sind. Meiner Meinung nach ist der ganze Weg des Schreiben lehrens an der deutschen Grundschule so, dass Kinder, die mit früheren Methoden problemlos vernünftig schreiben gelernt hätten, dies heute nicht tun. Solange schreiben aber nicht vernünftig automatisiert ist und die Kinder die eigene Schrift nicht lesen können, kann auch rechtschreiben nicht funktionieren. Das führt dann schnell zu einem Teufelskreis...


    Mich würden dazu mal internationale Zahlen interessieren über den Anteil an Kindern mit LRS-Problemen und Schriftproblemen. Weiss da zufällig jemand etwas?

  • Ich kenne die Zahlen nicht, teile Deinen Verdacht Jette aber uneingeschränkt. Insofern haben viele der Kinder mit LRS eine schlechte Schrift, das ist richtig - aber die Ursache sind meiner Meinung nach nicht die Rechtschreibprobleme sondern es ist eher anders herum (oder hat nichts miteinander zu tun).

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
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    (mascha kaleko)

  • Dysgraphia und Dyslexia kenne ich als unterschiedliche Diagnosen aus dem englischen Raum, auch wenn es eine gemeinsame Schnittmenge gibt. Dysgraphia kenne ich fuer USA mit 3-8% (sagt mein Buch zum Thema), und 15-20% fuer Dyslexia. Wobei letzteres ein Spektrum darstellt.

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    ~a.joy~

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  • @ Jette kannst du das genauer ausführen?

    Ich habe nämlich tatsächlich das Gefühl, dass sie beim Schreiben lernen selbst gar nicht soooo viel verändert hat. (Bundesland wäre hier Sachsen) aber vielleicht ist das auch ein Gefühl.

  • Blumenkind11 Vielleicht ist es in Sachsen anders. Ich bin in der DDR groß geworden und lebe jetzt in Bayern mit viel Verwandschaft in Nord-West-Deutschland.


    Was ich meine im Vergleich zu meiner Kindheit:


    - erst Druckschrift dann Schreibschrift. Wenn die Kinder gerade anfangen mit der Druckschrift so vertraut zu sein, dass sie Texte schreiben können, kommt noch mal eine komplett andere Schrift, von der sie eigentlich gar nicht verstehen, warum sie die nun auch noch lernen sollen und die erst mal ziemliche Rückschritte bedeutet im Verfassen von Texten.


    - insgesamt viel weniger Übungszeit, Schwungübungen fast gar nicht und wenig gezielt während ich mich an ein sehr gezieltes Heranführen an die Buchstaben der Schulausgangsschrift erinnere. Ich behaupt, dass wenn man die weniger Übungszeit wenigstens komplett auf die Schreibschrift konzentrieren würde, man schon weniger Probleme hätte. Nach meiner Erinnerung war der Schritt von einer Schreibschrift ausgehend die von Lesen vertraute Druckschrift zu schreiben winzig und benötigte nur ganz wenig Übungszeit. Anders herum funktioniert das leider gar nicht.


    - VA aus Schreibschrift. Diese Schrift verdient den Namen Schreibschrift nicht - es ist vom Ansatz her aus meiner Sicht eine "verbundende Druckschrift" die aussieht wie eine Schreibschrift (daher ideal für Schulbuchverlage). Sie enthält zahlreiche Stolperstellen, die es unmöglich machen, diese Schrift schnell zu schreiben. Nur wer es schafft, sich von den mit der VA vermittelten Regeln zu lösen, wird zu einer flüssigen lesbaren Schreibschrift kommen.


    - Die Kinder sollen sich sehr viel alleine erarbeiten. Häufig bekommen sie ein Übungsheft in die Hand gedrückt und sollen dies dann relativ eigenständig bearbeiten. Die Lehrerinnen halten es nicht mal für nötig selbst durchgängig in der vermittelten Schrift zu schreiben. Es wird wenig korrigiert und schon gar nicht der Schreibvorgang selbst (also z.B. Reihenfolge der Striche), sondern nur das Ergebnis.

  • Boah, da kaum ich gerade kaum nach.


    Also einen Schulpsychologen gibt es bei uns wohl nicht und zu einem LRS-Konzept weiß ich bisher nichts. Vielleicht kriege ich da ja Infos von der Lehrerin.


    Mein Sohn hat die vereinfachte Ausgangsschrift gelernt, schreibt jetzt aber wieder Druckschrift. Ich habe immer schon im Hinterkopf, ihn an die Tastatur zu bringen, aber bisher fehlt es an Gelegenheit. Da soll er in dieser Woche zumindest ein- von viermal die Lernwörter tippen.


    Die Stifthaltung ist korrekt, soweit ich das beurteilen kann.


    Vielleicht später mehr, wenn ich weiter darüber nachgedacht habe, was ich gelesen habe.


    Liebe Grüße, MaFu

  • Aus der Arbeit mit Kindern mit Rechtschreibschwäche kann ich bestätigen, dass viele dieser Kinder eine schlechte Schrift haben - anteilig mehr als gute Rechtschreiber.

    Ich habe heutzutage ehrlich gesagt die Vermutung, dass zumindest bei einem nicht unerheblichen Teil die Rechtschreibprobleme durch die schlechte Schrift (mit)verursacht sind. Meiner Meinung nach ist der ganze Weg des Schreiben lehrens an der deutschen Grundschule so, dass Kinder, die mit früheren Methoden problemlos vernünftig schreiben gelernt hätten, dies heute nicht tun. Solange schreiben aber nicht vernünftig automatisiert ist und die Kinder die eigene Schrift nicht lesen können, kann auch rechtschreiben nicht funktionieren. Das führt dann schnell zu einem Teufelskreis...


    Mich würden dazu mal internationale Zahlen interessieren über den Anteil an Kindern mit LRS-Problemen und Schriftproblemen. Weiss da zufällig jemand etwas?

    genau das denke ich auch.


    Mein Mittlerer hat in der 3. Klasse beschlossen, daß er ab sofort nur noch Schreibschrift (SAS) schreibt. Was hat seine Klassenlehrerin geflucht - sie wollte es ihm verbieten. Da bin ich dann mal etwas deutlicher geworden und habe ihr zum Vergleich 2 Texte vorgelegt. Danach dürfte er gnädiger Weise Schreibschrift schreiben ... Und ich war die ganz Böse ...


    Aber - Ab dem Zeitpunkt wurden "aneinander gereihte gemalte Buchstaben" plötzlich zu "halbwegs flüssig geschriebene Wörter".

    Die Rechtschreibung konnte er bis dahin gar nicht verinnerlichen, weil die Buchstaben nicht automatisiert waren.

    Der Schreibprozess lief erst ungefähr so ! "Ich sehe ein Buch."

    Erstes Wort ich ... Erst ein i ...wie ging das noch mal? ... i schreiben ... Ich ... I ist schon jetzt ein ch ... wie noch mal ... Ach c und dann ... Welches Wort war es? ... Ach ja, ich ... Ich ... OK. Nächstes Wort ...äh, was wollte ich eigentlich schreiben #gruebel. Irgendwas mit Buch ... Ach ja. Also nächstes Wort.

    Bei dem Gedankenchaos kann gar kein ordentlicher Satz raus kommen. Geschweige denn ein vollständiger Text.

    Es fehlten immer Wörter, die Texte waren extrem kurz. Schreiben war super anstrengend.


    Durch die Schreibschrift fing er an sich ganze Wörter zu merken ... Bzw. Erstmal Silben. Die klappen aber beim Schreiben flüssig und"in einem Rutsch", ohne über jeden Buchstaben nachzudenken.

    Es wird jetzt langsam aber sicher besser.


    Ne angezüchtete LRS hat er trotzdem und muss die jetzt mühsam (und teuer) abarbeiten.