Abstillen trotz Eifersucht

  • Hallo Denise,


    mein Sohn wird bald vier Jahre.


    Er hatte einen schweren Start, war sehr nähebedürftig als Baby, hat dauergestillt und brauchte ununterbrochen Aufmerksamkeit. Vor 1,5 Jahren sind wir umgezogen, vor einem Jahr kam meine Tochter auf die Welt, auf die er mit starker Eifersucht reagiert hat und vor einem halben Jahr kam er in den Kindergarten. Alles waren schwierige Phasen, aber mittlerweile haben wir uns eingelebt, die Geschwister kommen ganz gut miteinander aus und er geht nicht ungern in den Kindergarten seit er dort einen Freund hat.


    Trotzdem gestalten sich die Tage mitunter schwierig und ich mache mir manchmal Sorgen, ob es ihm gut geht (Stichwort ADHS). Er ist immer noch extrem nähebedürftig und impulsiv und braucht sehr viel Aufmerksamkeit. Wenn ich mal nicht so viel Zeit für ihn habe, vor allem am Wochenende, wenn sich mein Mann mit ihm beschäftigt, beginnt er zu provozieren oder an mir zu kleben. Ich stille ihn noch und er fordert es immer noch stark ein. Seit dem Kindergarten möchte er auch tagsüber stillen, insbesondere, wenn ich die Kleine ins Bett bringe. Er scheint es noch sehr zu brauchen, Eifersucht spielt sicher auch mit hinein. Ich würde gerne abstillen, weil ich hoffe, dass er sich dann besser von mir lösen kann. Andererseits befürchte ich, dass es nach hinten losgeht, er noch mehr klammert und die Eifersucht wieder so aufflammt, dass er die Kleine angreift. Ich würde auch gerne mal eine Beratungsstelle aufsuchen, traue mich aber nicht hin, solange ich noch stille.


    Liebe Grüße

  • Liebe Dreieich,


    ist es nicht traurig, dass Du dich nicht traust, eine Beratungsstelle aufzusuchen, weil Du deinen Sohn noch stillst? Stillen ist doch bei einem noch nicht ganz vierjährigen Kind nicht zwangsläufig pathologisch. Auch ist es keineswegs so, dass dein Kind sich besser von dir wird lösen können, wenn Du es jetzt abstillen wirst. Die von dir geäußerten Bedenken sind durchaus berechtigt, denn Abstillen ist nunmal nicht das in so vielen Fällen propagierte Allheilmittel.


    Dass es mit zunehmendem Alter schwieriger sein kann, ein Kind gegen seinen Willen abzustillen stimmt in gewisser Weise: Je älter das Kind ist, um so mehr Möglichkeiten stehen dem Kind zur Verfügung sich deutlich und klar zu äußern und es ist nun einmal sehr viel schwieriger etwas gegen den Willen eines Menschen zu tun, wenn dieser Mensch dazu in der Lage ist, nicht nur mehr oder weniger undifferenziert zu schreien, sondern zu sprechen oder sich deutlich zu äußern und auch nicht mehr relativ unbeweglich in einer Wiege zu liegen, sondern so mobil und in der motorischen Entwicklung fortgeschritten, dass das abzustillende Kind der Mutter nachlaufen, sie festhalten und ihr genau zeigen und sagen kann, was es möchte. Das ist aber ebenfalls nicht pathologisch, sondern eine normale Entwicklung.

    Bei der Durchsicht verschiedener Quellen finden sich etliche Aussagen, die bestätigen, dass das Stillen über einen längeren Zeitraum dem Kind nicht schadet:


    American Academy of Pediatrics 2005 Policy Statement: Breastfeeding and the Use of Human Milk: „There is no upper limit to the duration of breastfeeding and no evidence of psychologic or developmental harm from breastfeeding into the third year of life or longer“. (Es gibt keine Obergrenze für die Stilldauer und keinen Beleb für Schädigungen hinsichtlich der Psyche oder der Entwicklung, wenn bis in das dritte Lebensjahr oder länger gestillt wird).


    American Academy of Pediatrics 2012 Policy Statement: Breastfeeding and the Use of Human Milk:

    “The AAP reaffirms its recommendation of exclusive breastfeeding for about 6 months, followed by continued breastfeeding as complementary foods are introduced, with continuation of breastfeeding for 1 year or longer as mutually desired by mother and infant.” (Die AAP bekräftigt ihre Empfehlung sechs Monate ausschließlich zu stillen, gefolgt von Weiterstillen mit der Einführung von Beikost und Weiterstillen bis zu einem Jahr oder länger, wie Mutter und Kind es gemeinsam wünschen)


    Breastfeeding Handbook for Physicians, 2nd ed. (AAP & ACOG, 2013)


    S. 20:

    “The question of whether there is an upper limit to the duration of breastfeeding has been asked. Data on the scientific foundation for an age above which it is inappropriate or harmful to the child to continue breastfeeding do not exist. Nor are there reported risks to this method of social/nutritional interactions.” (Es wurde die Frage gestellt, ob es eine Obergrenze für die Stilldauer gibt. Es existieren keine wissenschaftlich begründeten Daten für ein Alter, ab dem es unangemessen oder schädlich für das Kind ist, weiter zu stillen. Es gibt auch keine berichteten Risiken für diese Form der sozialen/ernährungsbedingten Interaktionen)

    S. 122 (Breastfeeding in the Second Year and Beyond):

    “Breastfeeding should be continued, with appropriate complementary foods, for as long as the mother and infant mutually desire. In societies where children are allowed to nurse as long as they wish, they usually self-wean, without emotional trauma, between 3 and 4 years of age. Physicians may be surprised to discover that their patients are actually nursing much longer than they believe. Mothers may fail to disclose that they are continuing to nurse an older infant or child because they perceive that their physician may not approve of or support their continued breastfeeding.” (Das Stillen sollte zusammen mit angemessener Beikost solange weitergeführt werden, wie Mutter und Kind es wünschen. In Gesellschaften, in denen die Kinder so lange stillen dürfen, wie sie wollen, stillen sie sich in der Regel ohne emotionales Trauma im Alter von 3 bis 4 Jahren selbst ab. Ärzte sind möglicherweise überrascht, wenn sie feststellen, dass ihre Patienten tatsächlich viel länger stillen, als sie glauben. Mütter verschweigen vielleicht, dass sie weiterhin einen älteren Säugling oder ein Kind stillen, weil sie den Eindruck gewinnen, dass ihr Arzt das weitere Stillen möglicherweise nicht billigt oder unterstützt)


    Genau dieser letzte Satz spiegelt ja auch deine Ängste wider: "Ich würde auch gerne mal eine Beratungsstelle aufsuchen, traue mich aber nicht hin, solange ich noch stille."


    Wenn Du deinen Sohn abstillen willst und selbst tief in dir drinnen davon überzeugt bist, dass es für dich und dein Kind gut und wichtig ist, jetzt abzustillen, dann tu es. Aber bitte still nicht aufgrund von diffusen Ängsten ab. Wenn Du davon überzeugt bist und fest zu deinem Entschluss stehen kannst, kannst Du dein Kind beim Abstillen sicher begleiten und es wird mit dir gemeinsam den Weg des Abstillens gehen - nicht unbedingt ohne Protest, aber von dir aufgefangen und gut begleitet. Du wirst in der Lage sein, seinen Protest und seine Trauer auszuhalten. Wenn Du jedoch selbst nicht von deinem Handeln überzeugt bist, wird dein Kind deine Zweifel spüren und entsprechend verwirrt und unsicher reagieren.


    Höre und spüre jetzt also erst einmal gut in dich hinein und dann triff die Entscheidung, die Du für euch für das Stillen als die richtige empfindest. Das kann heißen, dass Du mit deinem Sohn besprichst, dass ihr jetzt erst einmal Regeln aufstellt (und einhaltet) wann, wo und wie lange gestillt werden darf und ihr schlussendlich irgendwann eure Stillzeit vollständig beenden werdet. Das kann aber auch heißen, dass ihr sehr bald abstillt oder eben, dass Du es doch deinem Kind überlässt, wie sich eure Stillbeziehung gestaltet. Und ganz gleich welche Entscheidung Du jetzt triffst: Wenn Du feststellst, es war nicht die richtige Entscheidung, dann gibt es immer die Möglichkeit, die Entscheidung zu überdenken und einen anderen Weg einzuschlagen.


    Wenn Du eine Beratungsstelle aufsuchen magst, um Hilfe für den Umgang mit deinem Kind zu erhalten, dann scheu' dich nicht, dies zu tun, ganz gleich ob dein Sohn noch gestillt wird oder nicht.


    Liebe Grüße

    Denise