Berufliches Gymnasium-Erfahrungen

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  • Liebe Raben,

    hat hier jemand Erfahrungen mit dem beruflichen Gymnasium? Meine Tochter macht dieses Jahr an der Gesamtschule den Zehnerabschluss mit Quali und überlegt, die Oberstufe an einem beruflichen Gymnasium mit Schwerpunkt Gesundheit zu machen, da sie das Kursangebot viel interessanter findet. Ich kenne das System so gut wie gar nicht und freue mich über Erfahrungen und Vor- und Nachteile:)

  • Meine drei haben an beruflichen Gymnasien (mit jeweils anderem Schwerpunkt) Abitur gemacht, der Große nach Hauptschule, 2j Berufsfachschule; die beiden anderen nach Realschulabschluss. Wir sind in BaWü. Was möchtest du denn wissen?

    #rose Sohn (2/92), Sohn (2/97), Tochter (8/01)


    "Das Vorhandensein eigener Kinder, unabhängig von ihrer Zahl, stört die Reinheit des theoretisch-pädagogischen Denkens erheblich"
    G. Laub

  • Die Antworten werden - wie immer beim Thema Schule - sehr bundeslandspezifisch sein. Mögt ihr das kurz ergänzen?

    Für Ba-Wü ist ein berufliches Gym eigentlich der "klassische" Weg zum Abitur nach der Realschule (den auch viele G8-Gymnasiasten nach der 10. wählen um sich selbst ein G9 zu erlauben), sogenannte Aufbauzüge an allgemeinbildenden Gymnasien gibt es eher wenige.

    Die Erfahrung in meinem Umfeld ist, dass starke RealschülerInnen auf den BG gut aufgehoben sind, wer aber nicht wirklich ein Abi anstrebt auch gut über das Berufskolleg (2 Jahre zur Fachhochschulreife) fahren. Ein großer Unterschied zum allgemeinbildenden Gym ist die spät einsetzende Fremdsprache (fürs Abi braucht man zwei Fremdsprachen in seiner Schulzeit) mit durchaus starker Progression und eigentlich eine eher kleinere Wahlfreiheit bei den Kursen, da die Ausrichtung der Schule da einiges vorgibt/festlegt. Aber das sucht man dann ja wieder selbst aus, welche Schule es sein soll.

    Soweit mal ein Eindruck aus Ba-Wü, stellt gerne konkrete Fragen, wen euch was interessiert.

  • Hier nur hörensagen - Hessen. Wir hatten bei meinem früheren AG viele Oberstufenschüler, die nur deswegen aufs BG gegangen sind, um Mathe als Abifach zu umgehen. Ansonsten ist hier Abi in Mathe nämlich Pflicht. Die Aussagen gingen in die Richtung - es ist etwas einfacher, wenn einem die Fachrichtung liegt. Sie kamen aber auch alle von einem leistungsstarken Gym und waren alle schlechte bis ganz gute Schüler, deswegen find ich es schwer zu beurteilen, wie sehr das stimmt.

    LG H. mit J. (17,5) und S. (bald 12)

  • Hallo,

    ja, denke, das ist wieder sehr bundeslandspezifisch. Deine Angaben klingen wenig nach Ba-Wü ;-)

    mein Großer hat von ein sehr angesehenes Privatgymnasium (musisch-gestalterischer Schwerpunkt besucht. Auf dieses Gymnasium hat Muttern ihn geschickt, weil sie wusste, dass man einen sehr wertschätzenden Blick aufs Kind hat, den dieser kleine Chaot brauchte. Das staatliche Gymnasium hier, ist vom Umgang mit Kindern hier "unterirdisch"... aber das ist ein anderes Thema.


    In der 9.Klasse ging sein Frust los, er ist einfach ein sehr "bodenständiger Typ" der mit Kunst /Gestaltung /Musik so gar nichts anfangen konnte. Wir haben Infoabende verschiedener beruflicher Gymnasien besucht. Und inhaltlich sprach ihn das sozialpädagogische Gym und das Wirtschaftsgymnasium an. Geworden ist es das WG.

    Interessant waren die Reaktionen in unserem Umfeld. Ich wurde gefragt, was das Problem ist. Berufliche Gymnasien werden wohl als Schulen zweiter Wahl betrachtet. Dass man ein vollwertiges Abi macht, ist in den Köpfen noch nicht angekommen. Mei meinem Großen steht im Zeugnis des beruflichen Gymnasiums auch drin, dass er das kleine Latinum hat ;-)


    Bub wechselte nach Klasse 10 und kam in eine 11.Klasse mit extrem gemischtem Niveau. Über die Hälfte der Schüler hat in der 11. Klasse abgebrochen. Von den ehemaligen Realschülern hat fast keiner in Klasse 12 gewechselt. Wir haben hier sehr viele Wechsler von den allgemeinbildenden Gymnasien. Eine Möglichkeit hier in Ba-Wü dem blöden G8 zu entgehen. Mein Sohn entdeckte sein Interesse für Informatik. Der betriebswirtschaftliche Schwerpunkt brachte ihm viele Vorteile in seinem Wirtschaftsinformatik-Studium. Er studiert dual. Auch da brachte es beim Bewerben Vorteile, Vorkenntnisse zu haben. Aber das weiiß man ja immer nicht so genau, wo es später mal hinläuft. Mit ihm studiert jemand der ein Technisches Gymnasium mit Informatikschwerpunkt besucht hat, und der viele Inhalte schon im Gymnasium gelernt hatte. Also, ich denke , es bringt viele Vorteile, wenn man sich für den Schwerpunkt des beruflichen Gymnasiums interessiert und ggf. sich schon abzeichnet, dass es beruflich in die Richtung gehen soll,

    Lehrer gab es auch dort bessere und schlechtere.


    Würde es das Gymnasium mit Informatik-Schwerpunkt in erreichbarer Nähe geben, würde mein Kleiner nach Klasse 10 dahinwechseln. Ebenfalls weg vom so gehypten Privatgymnasium.

  • Meine Tochter hat dieses Jahr nach dem Realschulabschluss an einem beruflichen Gymnasium, Fachrichtung Gesundheit und Soziales angefangen. Bundesland Sachsen. Sie ist sehr zufrieden und engagiert dabei bisher. Hier gab es zwei Optionen nach dem Realschulabschluss:

    1. an einem Gymnasium die 10. Klasse wiederholen und danach in zwei Jahren Abitur in der 11. und 12. Klasse machen,

    2. am beruflichen Gymnasium in die 11. Klasse gehen und dann Abitur in der 12. und 13. Klasse machen.


    Die 10. Klasse zu wiederholen war natürlich total unattraktiv. Was ich vorher überhaupt nicht wusste, ist dass es hier zig berufliche Gymnasien in freier Trägerschaft gibt, die praktisch Privatunternehmen sind Dort sind die Zugangskriterien einfacher als an den staatlichen Schulen, und sie kosten Schulgeld. Die Tochter ist jetzt an so einer "Privatschule", das kostet 120 EUR im Monat. Die Auswahl der Schule war ein Schuss ins Blaue, denn die Schulen unterscheiden sich äußerlich kaum. Sie hat sich für die Schule nach Hörensagen von älteren SchülerInnen ("geh auf keinen Fall auf die xyz-Schule, die ist furchtbar"), äußerem Eindruck, räumlicher Nähe und Sympathie beim Vorgespräch ausgesucht, und damit wohl Glück gehabt.

    "Stay afraid, but do it anyway. What’s important is the action. You don’t have to wait to be confident. Just do it and eventually the confidence will follow." Carrie Fisher

    LG Matilda mit Tochter (08/2004) und Sohn (09/2015)

  • Noch ein Nachtrag von mir: meine 10 Klässlerin besucht die 10. Klasse einer privaten Gemeinschaftsschule in BW mit Englisch, Französisch und Spanisch. Sie arbeitet auf Gymnasialniveau d.h sie kann ab dem nächsten Schuljahr Französisch abwählen. Wir haben die Chance auf die Oberstufe der Gemeinschaftsschule zu wechseln und dort ein G9 zu machen oder ein Gymnasium zu besuchen. Normale Gymnasien mit G8 gehen auch aber da müsste sie die 10 Klasse wiederholen, das will sie nicht und wenige dieser Gymnasien wollen die GMS Schüler.


    Ihr Plan ist Lehramt zu studieren.

  • Falls du dich für Ba-Wü interessierst, kann ich auch noch was schreiben, v.a. fürs WG (Wirtschaftsgymnasium).

    Hermine und drei Jungs (04, 07 und 09)

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    demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen

    Willy Brandt, 1969

  • Hi,


    ich unterrichte am Beruflichen Gymnasium in Schleswig-Holstein :)


    Hier führt das Berufliche Gymansium anders als früher zur Allgemeinen Hochschulreife, nicht zu einer fachgebundenen - das weiß leider nicht jede(r). Das heißt, man kann - egal mit welchem Schwerpunkt - alle Fächer studieren. Das wird von einigen wenigen Schüler*innen sehr gezielt eingesetzt, denn es ist häufig so, dass Schüler*innen durch die Wahl eines ihnen gut liegenden Schwerpunktes einen super Abischnitt haben, der dann für N.C.-Fächer toll ist.


    Viele angehende Abiturient*innen vom BG sind auf dem Ausbildungmarkt sehr begehrt, weil sie schon fachspezifisches Grundlagenwissen (zum Beispiel das Fach Recht) für die Ausbildung mitbringen. Dies ist natürlich sehr verschieden für die unterschiedlichen Schwerpunkte.


    Für Schüler*innen, die sich mit den Fremdsprachen schwer tun, bietet das Berufliche Gymnasium oft einen tollen Zugang, unbelastet in eine neue Sprache zu starten - denn eine zweite Fremdsprache müssen (hier) alle lernen, auch die Schüler*innen, die auf der bisherigen Schule nur Englisch hatten. Wenn man schon "fast erwachsen" ist eine neue Sprache anzufangen, ist ganz anders als als Kind und oft von tollen Erfolgen und Aha-Erlebnissen gekrönt. Bei uns kann man zum Beispiel Spanisch oder Dänisch lernen.


    Nicht zuletzt ist es ein toller neuer Einstieg im sozialen Miteinander. Die Klassen formen sich alle neu, viele Schüler*innen haben sich sehr bewusst entschieden, weiter zur Schule zu gehen, und haben auch schon mal eine Abschlussprüfung "durchgestanden". Das trägt oft zur Reife bei. Außerdem gibt es immer mal Schüler*innen, die eine interessante Lebensgeschichte haben, zum Beispiel schon eine Lehre gemacht haben oder früh Eltern geworden sind. Diese bereichern die Klassengemeinschaft oft enorm. Nicht zuletzt ist es zumindest bei uns so, dass die Schülerschaft am Beruflichen Gymnasium diverser ist als an den klassischen Gymnasien, was ich als Bereicherung empfinde.


    Ich empfinde das Berufliche Gymnasium insbesondere für Jugendliche eine Bereicherung, die nie so "Streber-Kinder" waren (man Verzeihe mir den Ausdruck, ich weiß nicht, wie ich es besser formulieren kann) bzw. die halt ein wenig Zeit brauchten, um ihr volles Potential zu entdecken. Meine Tochter geht auf ein klassisches humanistisches Gymnasium und geht voll in dieser Kultur auf, mein Sohn geht den Weg über die Gemeinschaftsschule und später wohl auch übers Berufliche Gymnasium, denn seine Begabungen sind nicht so extrem schulkompatibel wie die meiner Tochter.


    Falls ihr weitere Fragen habt: Gerne her damit! :D


    Liebe Grüße


    Schlumi

  • Aus Elternsicht kann icb Schlumi s Ausführungen nur bestätigen.

    Mein Sohn ist dieses Jahr nach der 10. Klasse vom klassischen Gymnasium an das Fachgymnasium Technik gewechselt und das war die beste Entscheidung seines bisherigen Lebens.

    Wie Schumi schreibt.

    Es sind alle neu dort, der Umgang zwischen Lehrern und Schülern ist sehr viel mehr auf Augenhöhe, der Unterricht ist durch die Praxisfächer abwechslungsreicher und alle haben, in seinem Fall, doch ein gewisses Interesse an Technik, Mint etc.

    Man hat das Gefühl er ist mehr unter seinesgleichen und das merkt man total.

    Seine Leistungen sind in allen Fächern deutlich besser geworden.

  • Noch ein Nachtrag von mir: meine 10 Klässlerin besucht die 10. Klasse einer privaten Gemeinschaftsschule in BW mit Englisch, Französisch und Spanisch. Sie arbeitet auf Gymnasialniveau d.h sie kann ab dem nächsten Schuljahr Französisch abwählen. Wir haben die Chance auf die Oberstufe der Gemeinschaftsschule zu wechseln und dort ein G9 zu machen oder ein Gymnasium zu besuchen. Normale Gymnasien mit G8 gehen auch aber da müsste sie die 10 Klasse wiederholen, das will sie nicht und wenige dieser Gymnasien wollen die GMS Schüler.


    Ihr Plan ist Lehramt zu studieren.

    Sozialpädagogisches Gymnasium? : https://www.bildungsnavi-bw.de/schulsystem/56/88

  • Herzlichen Dank für die vielen Antworten! Wir sind in NRW. Tochter ist wie gesagt auf der Gesamtschule und nicht mehr richtig zufrieden: ihr fehlt die inhaltliche Tiefe und die Prioriät von Unterricht (viel Ausfall etc.) Ich finde, die Schule hat ein echtes Strukturproblem und fehlende Konzepte. Natürlich freut sie sich wenn sie früher frei hat, aber es geht auf Kosten der Kontinuität und des Inhalts und ihr fehlt die Intensive Auseinandersetzung mit Themen.

    Nun ist ja nach der 10 eh Neuorientierung angesagt und die Auswahl der möglichen LKs ist eher klassisch. Die Oberstufe an Gymnasium fällt für sie wegen G8 und der notwendigen Wiederholung der 10 raus.

    Am Beruflichen Gymnasium gefällt ihr die inhaltliche Ausrichtung (Gesundheit)l: Gesundheit und BioLk, Biochemie und Psychologie als neue Fächer, das interessiert sie sehr. Sie ist Schulsanitäter in, hat ihr Praktikum im Krankenhaus asolviert und folgt privat mehreren Psychologie- und Medizinstudentinnen auf social Media. Sie ist eine gute bis sehr gute Schülerin, begabt in Sprachen und Naturwissenschaften. Alles spricht also für diesen Weg und ich bin echt beeindruckt von den Möglichkeiten der Berufskollegs in NRW...war für z unbekanntes Terrain 😏

    Ich glaube meine Hauptfrage ist:

    Trifft sie auf dem beruflichen Gymnasium auf inhaltlichen Anspruch und Auseinandersetzung?

  • marisa, wenn deine Tochter sich für Psychologie interessiert, mag sie vielleicht mal gucken, ob sie das Buch von Gerrig irgendwo gebraucht findet. (Neu nicht ganz billig, ca. 50€) Ich kenne es nicht persönlich, weiß aber, daß es im 1. Semester an der Fernuni Hagen auf der Literaturliste steht und ich schon öfter gelesen habe, daß Leute es für den Überblick gut fanden.

  • Ich lese hier mal mit, mein Sohn, 10. Klasse, will Wirtschaftsabi machen. Vor allem, weil dafür 4 Jahre 2. Fremdsprache reichen und er das ungeliebte Latein los werden kann.

    mamaraupe (*1973) mit paparaupe (*1969), großer raupe (*06/06), und kleiner raupe(*02/10)

  • husky: ach, super Tipp, danke! Meinst du das Standardwerk Psychologie mit Zimbardo? Das hatte ich schon im Studium, da war Gerrig glaube ich nicht dabei. Wir haben auch eine sehr umgängliche Stadtbibliothek, da könnte sie auch schauen.

  • marisa ach, Du auch? ;) Ja, genau, bei uns (ich hab 1997 in Köln angefangen) war das noch der Zimbardo. Ich hab bis eben gar nicht gepeilt, daß "der Gerrig" wohl die Weiterführung dieses Standardwerkes ist.


    Stimmt, in der Stadtbibliothek gibt es den auch oft. Bei Facebook gibt es auch eine Gruppe, in der Studiumsliteratur verkauft wird.

  • Für alle Ba-WülerInnen, für die das Thema interessant ist: in der Regel finden die Infoveranstaltungen ab Dezember statt. Viele auch online. Ab 24. Januar beginn die Anmeldefrist und endet am 1.3. Man kann Plätze immer wieder absagen, falls man sich anders entscheidet. wer sich nach dem 1.3. "bewirbt" landet auf der Nachrückliste.


    Für den Kleinen informiere ich mich jetzt mal über das TG ;) öfter mal was Neues