Frage zu Vorgehen bei Strafverfahren am Amtsgericht

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  • Ich bin nur Krimi-gebildet, deshalb war ich heute beim Zeitunglesen echt von den Socken.

    Vor dem hiesigen Amtsgericht wurde vor ein paar Tagen ein Fall von vor zwei Jahren verhandelt: Ein Mann hatte einen anderen Mann auf einem Parkplatz mit einer Machete bedroht und damit 10 Euro erpresst. Kurze Zeit später wurde er in der Nähe ebenfalls mit der Machete gesehen, und ein Zeuge rief deshalb die Polizei, die aber nicht unmittelbar einen Täter fand. Der Mann, der bedroht worden war, ist der Polizei wohl auch bekannt, war aber an dem Verhandlungstag nicht im Gericht.

    Dem Angeklagten wird zusätzlich zur Macheten-Aktion noch das Anbringen von zwei illegalen Graffitis vorgeworfen (was er zugibt).

    Was mich fassungslos macht: Er ist der Verdächtige, weil er ein rotes Fahrrad fährt. So wie der Macheten-Typ.

    Die Stadt hier ist mit gut 20 Tsd Einwohner*innen nicht groß. Aber so klein, dass es hier nur ein einziges rotes Fahrrad gäbe, nun auch wieder nicht.

    Und der Oberhammer: Der Zeuge, der die Polizei gerufen hatte, sah den Angeklagten, und sagte: Das ist er nicht. Und als er Fotos vom Fahrrad sah, sagte er ebenfalls, dass das nicht das Fahrrad das Macheten-Mannes ist.

    Wie kann das sein, dass ein Mann angeklagt wird und vor Gericht steht, bei so einer mehr als dünnen Beweislage, und entgegen dem, was Zeugen sagen? Werden die nicht erst mal gefragt? Aus den Krimis kenne ich das mit der Gegenüberstellung durch den Zwei-Wege-Spiegel. Gibt es das nicht in echt?

    Liebe Grüße

    Sabine mit T. 10/02 und Q. 11/05

  • Das erste Problem ist, dass man aus der Zeitung oder sonstigen Berichterstattung nur einen kleinen Einblick bekommt, der meist nicht vollständig stimmt. Damit meine ich gar nicht, dass bewusst falsch berichtet wird (auch wenn es das auch geben mag), sondern dass oft einfach vieles nicht bekannt ist oder halt nicht geschrieben wird. Ich habe in vielen Jahren bisher noch nicht erlebt, dass in den Verfahren, die ich wirklich kenne, die Berichte in den Zeitungen komplett stimmten.


    Es kann auch gut sein, dass mehrere andere Beweismittel vorlagen oder der Zeuge im Ermittlungsverfahren nicht so eine klare Aussage gemacht hat. Eine Gegenüberstellung wie im Fernsehen gibt es in echt in der Regel nicht. Stattdessen gibt es Wahllichtbildvorlagen. Die Zeigen aber nur ein einzelnes Bild des vermutlichen Täters sowie sieben weitere nicht existente Personen. Die Bilder sind im schlechtesten Fall schon älter.

  • Das erste Problem ist, dass man aus der Zeitung oder sonstigen Berichterstattung nur einen kleinen Einblick bekommt, der meist nicht vollständig stimmt. Damit meine ich gar nicht, dass bewusst falsch berichtet wird (auch wenn es das auch geben mag), sondern dass oft einfach vieles nicht bekannt ist oder halt nicht geschrieben wird. Ich habe in vielen Jahren bisher noch nicht erlebt, dass in den Verfahren, die ich wirklich kenne, die Berichte in den Zeitungen komplett stimmten.

    Ich war mal eine Zeitlang in einer Supervisionsgruppe mit Kollegen der Jugendgerichtshilfe. Die haben das auch so berichtet. Zeitungsartikel bilden nicht die Realität ab. Ich fand das damals sehr eindrücklich.

    Ich schreibe meine persönlichen Erfahrungen und über mein persönliches Umfeld. Manchmal schreibe ich auch davon, was mir Familie oder Freunde so berichten, das steht dann aber dabei.
    Ich schreibe nicht über ein anderes Umfeld oder andere Erahrungen und tatsächlich nicht über ein ganzes Land oder die ganze Welt.
    Dafür bin ich viel zu klein und unwissend, als dass ich der Meinung sein könnte, dass ich weiß, wie es überall so funktioniert. #herzen

  • Ich bin ganz bei euch, dass in Zeitungsartikeln oft etwas nicht stimmt. Bei Pilzartikeln, für die ich interviewt wurde, bin ich gelegentlich schon von einer Ohnmacht in die nächste gefallen (viele waren aber OK).

    Und vielleicht kommt ja auch noch was nach, wenn der beraubte Zeuge befragt wird.

    Was ich auch vermisst habe war eine Einordnung dieser Nicht-Identifikations-Situation. Dass jemand sagt: "Damals haben Sie ihn aber doch ganz anders beschrieben, wieso die Änderung?", oder "Damals haben Sie keine Beschreibung geliefert, wieso können Sie sich jetzt erinnern?". Bei Übereinstimmung mit der früheren Aussage muss das vielleicht nicht sein.

    Aber die reine Situation "Zeuge erkennt weder den Angeklagten noch das Fahrrad" ist ja kein schwieriger Sachverhalt, bei dem es eine Herausforderung wäre, den korrekt wiederzugeben.

    Ich bin jedenfalls gespannt, wie der Prozess weitergeht.

    Liebe Grüße

    Sabine mit T. 10/02 und Q. 11/05

  • Das ist halt echt die Frage, wann der Zeuge befragt wurde. Ich hab mal meine Personalien abgegeben, weil ich beobachtet habe, wie jemand vor einem Einkaufszentrum auf einen Polizeiauto rumgesprungen ist und sehr unschöne Sachen gebrüllt hat. Ich hab ihn angesprochen („brauchts das?!), er ist weggerannt und ich hab auf die Polizisten gewartet. Die haben wirklich nur Personalien aufgenommen, keinerlei Täterbeschreibung und mir wurde gesagt, dass man sich meldet, wenn man meine Aussage braucht.
    Über zwei (!) Jahre später hab ich eine Vorladung zur Zeugenaussage vor Gericht bekommen und wusste gar nicht worum es überhaupt geht (es stand glaube ich was von „wg. Sachbeschädigung“ in der Ladung.)

    Vor Gericht hab ich den Typ gesehen und hätte niemals sicher sagen können, dass er das war. Ich hab erst in Verlauf der Verhandlung die ganze Geschichte gehört .. er hatte u.a. schon Stunden vorher in der Stadt Rabatz gemacht und deswegen stand da überhaupt das Polizeiauto - die haben ihn gesucht (und kurz später auch gefunden)


    Ich bin seit zwei Jahren als Schöffin tätig und es ist spannend bis herausfordernd, dass Zeugen sich nach oft sehr langer Zeit super genau an Geschehnisse von vor über zwei-drei Jahren erinnern sollen..


    Und ja: die Presse ist oft nur am Anfang mal da und berichtet dann halt entsprechend #angst

  • Es gibt nunmal auch Zeugen, die den Täter erst identifizieren und in der Hauptverhandlung komplett andere Sachen aussagen. Teil weil sie sich nicht mehr erinnern, teils weil sie sich nicht mehr sicher sind oder der Täter sich seit damals verändert hat und teils weil sie (aus verschiedenen Gründen) keine zutreffende Aussage mehr tätigen wollen.

  • mel_kane , das ist krass. Das hätte ich auch anders erwartet, mit einer Aussage direkt vor Ort (so war das, als mal ein Typ mein Auto vor unserer Haustür zu Schrott gefahren hat und dann zu Fuß Fahrerflucht begangen hat). Da habe ich dann zusätzlich noch nach zwei Wochen oder so auf dem Revier eine Aussage zu Protokoll gegeben. Ich schreibe mir bei solchen Gelegenheiten sofort ein Gedächtnisprotokoll, weil ich mich sonst nie an die Details erinnern würde.

    Und ja: die Presse ist oft nur am Anfang mal da und berichtet dann halt entsprechend #angst

    Ah - das ist spannend. Hier auf dem Dorf sitzen die Leute von der Presse normalerweise von A bis Z sogar bei den Gemeinderatssitzungen oder größeren Vereinsjubiläen. Da bin ich davon ausgegangen, dass das bei Gerichtsverhandlungen erst recht so sei.

    Liebe Grüße

    Sabine mit T. 10/02 und Q. 11/05

  • Nur in „spannenden“ Fällen (Enkeltrick bspw) aber auch da nur am Anfang, bei meinem letzten Verfahren sagte die Richterin sinngemäß, dass sie hofft, dass die Presse nicht kommt (es ging gegen einen halbwegs bekannten Gastronom)..

  • Es gibt nunmal auch Zeugen, die den Täter erst identifizieren und in der Hauptverhandlung komplett andere Sachen aussagen. Teil weil sie sich nicht mehr erinnern, teils weil sie sich nicht mehr sicher sind oder der Täter sich seit damals verändert hat und teils weil sie (aus verschiedenen Gründen) keine zutreffende Aussage mehr tätigen wollen.

    Naja, ich wuerde vielleicht auch nicht gegen jemanden aussagen wollen, der Menschen mit einer Machete bedroht. #angst

  • Aus beruflicher Erfahrung heraus kann ich sagen: Es ist zum Teil auch extrem wild bei Polizei & Staatsanwaltschaft 🫠. Weswegen da ermittelt wird (oder umgekehrt weswegen nicht). Auch im Referendariat habe ich Verfahren vor Gericht erlebt, die da definitiv nicht hingehört haben (und immerhin auch ein passendes Ende gefunden haben).

    Für mich ist das Ausdruck davon, dass unsere Justiz aktuell sehr schlecht aufgestellt ist und es macht mich unglücklich und an manchen Tagen macht es mir auch Angst 🫤.

    Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.

    Zwietracht, Willkür und rechtes Gedankengut sind es nicht.

  • Aus beruflicher Erfahrung heraus kann ich sagen: Es ist zum Teil auch extrem wild bei Polizei & Staatsanwaltschaft 🫠. Weswegen da ermittelt wird (oder umgekehrt weswegen nicht). Auch im Referendariat habe ich Verfahren vor Gericht erlebt, die da definitiv nicht hingehört haben (und immerhin auch ein passendes Ende gefunden haben).

    Das klingt für mich derzeit am plausibelsten (wobei ich dann noch eher die "wir ermitteln nicht/es kommt nichts raus"-Variante verstehen würde als die "wir ermitteln in eine völlig verrückte Richtung und behelligen mit dem Quatsch auch noch das eh schon überlastete Gericht"-Variante.

    Aber ich werde das in der Zeitung weiter verfolgen. Die Hoffnung mit dem passenden Ende habe ich jedenfalls.

    Liebe Grüße

    Sabine mit T. 10/02 und Q. 11/05

  • Naja, ich wuerde vielleicht auch nicht gegen jemanden aussagen wollen, der Menschen mit einer Machete bedroht. #angst

    Die gesamte Situationsbeschreibung las sich für mich eher nach einem Täter in einer Ausnahmesituation oder unter Drogen, und nicht nach einem Berufskriminellen mit entsprechenden Kontakten. Und der Zeuge hatte ja in der Situation anscheinend auch keine Hemmungen, überhaupt die Polizei zu rufen. Aber das sind nur meine Mutmaßungen. Ängste sind ja individuell.

    Aber damals, als er den Notruf gewählt hat, war der Täter ja flüchtig, und die Polizei hat versucht, ihn zu finden. Da werden die doch gefragt haben, wie er aussieht, und der Zeuge wird was gesagt haben #weissnicht.

    Wenn das so gar nicht zur jetzigen Beschreibung passen würde #confused - siehe oben.

    Der nächste Verhandlungstag muss jetzt irgendwann sein.

    Liebe Grüße

    Sabine mit T. 10/02 und Q. 11/05

  • Natürlich werden bei Ermittlungen und in Verfahren auch Fehler gemacht. Extrem wild ermitteln hört sich für mich so nach bewusst falsch oder schlampig an. Ich weiß nicht, ob das so gemeint war. Dass man sich mal auch in eine falsche Richtung verbissen haben kann, Fehler macht, nicht ausreichend ermittelt, kann natürlich auch passieren. Und überall mag es mal Leute geben, die für genau diesen Beruf nicht geeignet sind. Einiges davon ist dem extremen Personalmangel geschuldet, manches auch einer gewissen Resignation.

    Und vieles ist für Außenstehende unverständlich, weil - vollkommen logisch - die Infos und das Fachwissen fehlen. Dann wird - ob hier oder im realen Leben - oft voller Unverständnis auf die Berufsgruppen geschimpft. Da würde ich mir oft eher ein Nachfragen wünschen, was ja auch offenbar Anlass für diesen Threads war.

  • Für mich ist das Ausdruck davon, dass unsere Justiz aktuell sehr schlecht aufgestellt ist

    Das ist tatsächlich so. Zur Polizei kann ich nichts sagen, aber die Justiz ist definitiv ziemlich im Eimer momentan.

    Was in Deutschland ist das momentan nicht? Ich finde es echt bedenklich, an wievielen Stellen das System kollabiert.

  • Was in Deutschland ist das momentan nicht? Ich finde es echt bedenklich, an wievielen Stellen das System kollabiert.

    Das finde ich problematisch, so pauschal. Und ich erlebe es im Alltag auch tatsächlich anders.

    Natürlich funktioniert vieles nicht gut, die Verfahrensdauern sind oft viel zu lange, manche Abläufe sind nicht gut geregelt, einzelne Personen machen ihre Arbeit nicht gut - und bestimmt noch mehr. Aber vieles läuft sehr gut, viele Menschen sind sehr engagiert, die Gesetzgebung ist in vielen Bereichen wirklich gut durchdacht und wird auch verbessert, wenn auch langsam.

    Ich sag das auch nur, weil ich mir Sorgen mache, dass eine generelle Verdrossenheit (die ich dir, Astarte , gar nicht unterstellen will, das weiß ich nicht!) eher zu problematischen Sichtweisen führt. Wenn man unser System mit dem anderer Länder vergleicht finde ich uns oft ziemlich gut, von "kollabiert" würde ich da nicht gern sprechen wollen und fühle mich unwohl mit der Aussage. Oder verstehe ich dich falsch?