Ich grübel die ganze Zeit schon nach und ja, die Sozialisierung trägt bestimmt dazu bei, wie man das Ganze betrachtet. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo jeder schon ziemlich früh seinen Teil betragen musste, sonst hätte es schlicht nicht funktioniert. Es war sicherlich nicht immer angenehm, aber keiner von uns 5 wäre auf die Idee gekommen, sich gross zu weigern (im Sinne von "ne, diese Woche wasche ich keine Wäsche", nicht im Sinne von "der Tisch wird eine Stunde später abgeräumt"), weil wir alle wussten, dass die zusätzliche Arbeit dann am Rest der Familie hängen bleibt. Wichtig an diesem Konzept war auch, dass sich jeder um bestimmte Bereiche gekümmert hat, ohne dass einer in der Familie dafür zuständig war, die Bereiche immer wieder neu zuzuweisen und permanent dran zu erinnern, dass dies und jenes gemacht werden soll.
Mein Mann ist mit "Mama macht alles und die anderen helfen höchstens mal mit" aufgewachsen.
Da sind dann Welten aufeinander geprallt und es hat lange gedauert, war ein hartes Stück Arbeit und wird immer noch je nach Belastung geändert, wer wie wofür zuständig ist. Im Moment versuche ich wieder, ihm mehr Verantwortung zuzuschieben, da ich mehr arbeite als früher und sich der Trend weiter in diese Richtung verschieben wird. Und bei den Kindern war es mir wichtig, dass sie eben nicht dieses "Mama macht das schon" übernehmen, weil ich das auf keinen Fall vorleben wollte. Never ever. Genau deswegen tu ich mich wohl echt schwer mit "erwachsenes Kind wohnt hier, jobbt ein bisschen und tut sonst nix", weil hier nun mal 4 Leute wohnen und wenn einer sich komplett rauszieht und zwar Dreck macht, aber nicht aufräumt, bleibt mehr an den anderen hängen, die ja deswegen nicht mehr Kapazitäten haben. Ich hab recht früh bestimmte Sachen ausgelagert - für die Wäsche ist jeder selbst zuständig, für das eigene Zimmer (im Fall von J. Ist es inzwischen ein Stockwerk mit Bad, mein Mann putzt sein Arbeitszimmer selbst) ebenfalls. Ich beziehe ihre Betten schon lange nicht mehr uswusf. Wer die Küche benutzt hat, bringt sie nachher in einen weiterhin benutzbaren Zustand und da werde ich sehr deutlich, wenn das nicht gemacht ist. Hatten wir gestern erst, ich kam um 17 Uhr heim, Küchenchaos. Eine halbe Stunde später war aufgeräumt, weil die Mädels von sich aus ein schlechtes Gewissen hatten, da sie ja genau wissen, dass es so nicht geht.
Wer gerade frei hat (Ferien, Urlaub) kocht zumindest alle paar Tage mal für den arbeitenden Rest der Familie oder geht mal Unkraut zupfen oder was auch immer.
Wir sind also definitiv kein Hotel mit Vollverpflegung und Zimmerservice, sondern eher eine WG und das nicht erst mit der Volljährigkeit/Schulabschluss. Dafür drücke ich in Klausurenphasen schon mal ein Auge zu, springe je nach sonstiger Belastung hier und dort ein, fahre die Kids bei Bedarf hierhin und dorthin, organisiere auf Wunsch Arzttermine und bringe das Lieblingsessen mit (wobei prinzipiell beide alle paar Wochen mal zum einkaufen mitkommen und ohne Einkaufsliste kann keiner damit rechnen, dass ich bzw. Mann an alles denken). Ich supporte also definitiv, fordere aber auch.
Ich hab keine hohen Ansprüche an die Haushaltsführung, das hilft sicherlich auch. Und J. hat ADHS und noch paar chronische Sachen obendrauf, ich hab auch das ein oder andere, keine volle Belastbarkeit ist hier also prinzipiell gut bekannt.
Würde jetzt jemand hier länger als paar Wochen max paar h am Tag arbeiten gehen und den Rest der Zeit chillen, Müll liegen lassen, den Kühlschrank leer essen und sich somit komplett aus dem Familienkonstrukt rausziehen, würde das hier sehr viel durcheinander bringen, weil dann eben Küchenchaos, wenn man gerade mal 30min Pause fürs Mittagessen hat und Sachen weggegessen sind, die eingeplant waren.
Und unser Ziel ist definitiv, den Kids Selbstständigkeit beizubringen. Im Alltag, aber auch im Leben insgesamt. Und dazu gehört eigentlich schon auch eine Ausbildung und Zukunftspläne, doch, damit man in der Lage ist, selbst für sich zu sorgen. Einfach mal paar Jahre zuhause wohnen und sich treiben lassen - ich tu mich unheimlich schwer mit sowas. Wir versuchen schon, im machbaren Rahmen alles zu ermöglichen, incl. Führerschein usw. Aber wir müssen auch an unsere Altersvorsorge denken und werden nicht jünger. Braucht Kind 10 Jahre, um irgendwie auf einen grünen Zweig zu kommen, dann sind das Summen, die später woanders fehlen (und mit 2 Kids muss man eben auch beiden eine Ausbildung/Studium ermöglichen). Dafür werde ich hier niemanden aus dem Haus schmeißen, nur weil alt genug/ausgelernt, aber eben über eine angemessene finanzielle und sonstige Beteiligung an den Familienausgaben/aufgaben reden.
Bisher funktioniert das Prinzip gut. Manchmal kracht es, manchmal müssen wir neu verhandeln, bleibt nicht aus. Mag sein, dass ich damit bei einem "ich mach da aber nicht mit" - Kind gegen die Wand fahren würde, keine Ahnung...