Kann man als Mama Karriere in der Wissenschaft machen?

  • Dank euch nochmal für die differenzierten Antworten und entschuldigt, dass ich mich erst jetzt wieder melde.


    Ich hab vor einiger Zeit eine 'Fortbildung' an der Uni zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemacht -- letztlich eines dieser Selbsterfahrungs-/Peer-Austausch-Seminare, bei denen einem klargemacht werden soll, dass man die Antwort längst kennt, weil sie in einem selbst verborgen liegt. Dort war ich übrigens die einzige, die erst das Kind gemacht und sich dann die Frage gestellt hat, wie das denn jetzt eigentlich gehen soll :) Die anderen kamen alle mit der Frage, ob sie sich trauen sollen, überhaupt ein Kind zu bekommen, was einiges über den Saftladen Wissenschaft aussagt, finde ich.


    Das Patentrezept der Seminarleiterin war es, in uns die Erkenntnis zu wecken, dass wir Kompromisse nicht notwendigerweise in der Lebens-, sondern auch in der Karriereplanung schließen können -- uns als hehres Ziel also nicht die W3-Professur setzen müssen, sondern auch mit einer wissenschaftlichen MA-Stelle glücklich sein können, und dabei Ressourcen für anderes freisetzen können. (Dieselbe Frau hat aber wortlos die Augenbrauen hochgezogen, als ich unter dem Stichwort 'Planung' an der Pinnwand eine Moderationskarte mit den Worten 'zweites Kind' anbrachte.)


    Der Armen wurde im Verlauf fast der Kopf abgerissen, weil sie sich der allgemeinen Ansicht gegenüber fand, dass ein solcher Mittelweg im deutschen Hochschulsystem einfach nicht angelegt ist: es ist halt eine Frage von ganz oder gar nicht, plan auf die Professur hin oder gib es gleich auf. Klar gibt es ein paar akademische Ratsstellen, und vermehrt werden auch Lecturerstellen gebildet, aber sich in seiner Karriereplanung darauf verlassen, dass man sowas (unbefristet) kriegt, ist so ähnlich wie Lotto spielen.


    Insofern ist es ja nicht nur die Frage, mute ich meiner Familie unmögliche Arbeitszeiten, maximale Flexibilität und mehrfache Ortswechsel zu, sondern auch, führt es letztlich zu was?


    Aus allen euren Beiträgen hab ich rausgelesen, dass es einer ziemlichen Kompromissbereitschaft bedarf, und das nicht nur bei sich selbst (Selbstansprüche, Freizeit, Osterkränze, Ordnung), sondern auch bei der Familie (keine Karriere des Partners, Kinder, die örtliche Wechsel mitmachen). Wo man die Kompromisse letztlich schließen muss oder auch kann, ist vermutlich sehr individuell von der eigenen Person und Situation abhängig. Und vielleicht ändert sich das auch und man kann das vorher gar nicht so entscheiden. Es ist mehr ein schwammiger Möglichkeitsraum: wenn ich mich für den Versuch einer Karriere entscheide, dann entscheide ich mich (und meine Familie) für eine anstrengende, ungewisse Zukunft, wobei der Weg das Ziel sein muss, wenn man nicht den Atem verlieren will. Wenn man all die Umwege, die man in diesem System so geht, nur als solche wahrnimmt, muss man zwangsläufig frustriert werden. Vielleicht sollte man die Umwege gehen, solange es überhaupt weitergeht, die Landschaft in ihrer Vielfältigkeit genießen und abwarten, wo man rauskommt. Und darauf vertrauen, dass man sich immer noch irgendwie querfeldein auf die nächste Landtraße oder zumindest einen Trampelpfad woandershin schlagen kann.


    Ich glaube, das meinte ich auch mit dem Partner, der einen mit einem sicheren Beruf entlasten können sollte. Mir schwebt der Idealfall eines Gymnasiallehrers vor: jemand, der überall unterkommt und gleichbleibend gut verdient, ohne selber große Aussichten auf Karriere zu habe. Solche Stellen gibt es nun wirklich nicht so häufig, insofern hast du sicher recht, Shakes. Aber dass die Unterstützung des Partners ganz wesentlich ist, ist bei euch allen deutlich geworden. Ich habe die Unterstützung, aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil mein Freund auch sehr gerne tut, was er tut. Und auch er ist noch weit davon entfernt, ein auf Jahre gesichertes Auskommen zu haben, muss also gerade auch selbst zumindest in Ansätzen in Richtung Karriere denken.

    Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana. #ja


  • Ich glaube, das meinte ich auch mit dem Partner, der einen mit einem sicheren Beruf entlasten können sollte. Mir schwebt der Idealfall eines Gymnasiallehrers vor: jemand, der überall unterkommt und gleichbleibend gut verdient, ohne selber große Aussichten auf Karriere zu habe.


    #lol hysterisch kichert.
    #angst tschuldigung. aber ich glaube, du malst dir den beruf etwas zu schön. der ist alles andere als entlastend.

    mit elfchen 04/09 und minielfchen 03/12


    quand ta thèse te pousse à bout et que tu veux tout arrêter kannste vergessen.


    #rose 49,7

  • Aomame, ich würde mich da nicht so festlegen bei der Partnerwahl, es sollte doch vor allem jemand sein, mit dem man gerne Zeit verbringt und gut zusammen leben kann. ;)


    An meiner Uni fallen mir gleich zwei relativ junge Professoren ein, deren Partnerinnen selbst anspruchsvollere Berufe verfolgen (Ärztin und Steuerberaterin) und die trotzdem Kinder haben. Zumindest der eine von den beiden engagiert sich auch ziemlich in der Betreuung.


    In irgendso einem karreirecoachingtralala-Zusammenhang (vermutlich Sheryl Sandberg…) habe ich neulich den Satz gehört: You CAN have it all – just maybe not all at the same time. Fand ich einen interessanten Standpunkt.

  • aomame hat schon nicht ganz so unrecht. man sollte es sich als paar schon genau ueberlegen wer wie und wann karriere macht. wenn beide gleichzeitig karriere machen wollen, dann geht das seltenst am gleichen ort oder der gleichen uni ohne dass nicht einer doch ein wenig abstriche macht (ausnahmefaelle gibt es immer). auch gilt es zu ueberlegen, wie man das mit kindern macht, wieviel zeit moechte man in die kinder investieren, moechte man eine nanny haben um entlastet zu sein, oder ist die oma vor ort zum aushelfen, oder gehen die kinder von klein an in die krippe. ausserdem ist nicht jedes kind krippe geeignet, wie reagiert man, wenn ein kind schwer krank ist, wer kuemmert sich, wer macht abstriche? ist der parnter bereit haushalt und kinder wirklich 50:50 zu teilen, oder ist eine andere teilung wuenschenswert? wie geht man mit deadlines und crunchtime um? bei paaren mit 2 karrieren muessen diese sich immer wieder neu definieren, die grenzen neu erfahren, das lebensmodell neu ueberdenken.

    Birth is not only about making babies. Birth is about making mothers - strong, competent, capable mothers who trust themselves and know their inner strength.

  • Hm, ich muss ehrlich sagen, dass ich mit dieser Planerei (inzwischen) nichts mehr anfangen kann.
    Wir haben die Erfahrung gemacht (beide in der Wissenschaft), dass die Bedingungen aber auch die Bedürfnisse so wechselhaft sind, dass es für uns kaum Sinn macht, langfristig zu planen.
    Wir leben seit ca. 6 Jahren ganz gut damit, immer im akuten Fall zu gucken, was wir machen, wie wir mit neuen Entwicklungen umgehen, welche Karriereschritte wir (jetzt) machen und welche nicht.
    Die Entscheidung dass mein Mann seinen Job 500km entfernt annimmt hat uns ein paar schlaflose Nächte gekostet, wir haben uns aber schließlich entschieden, es auszuprobieren und dabei keine lange Perspektive anzunehmen (obwohl es die bei dem Job sogar gibt!), sondern halbjahresweise oder immer bei Bedarf zu gucken, wie der Alltag ist, wie zufrieden wir sind, welche Bedarfe und Bedürfnisse bestehen und dementsprechend unsern Alltag zu gestalten.
    Ich scheue mich nicht mehr, berufliche Aufgaben abzugeben oder abzulehnen, mein Mann wird immer besser im delegieren :D und hat sich einen zuverlässigen Mitarbeiterstab zusammen gestellt.
    Klar, wie haben ziemlich gute Bedingungen durch unsere flexiblen Jobs, aber wir mussten vor allem unsere innere Haltung verändern. Schließlich wurden wir auch mit Eltern sozialisiert, die 30 Jahre und mehr den selben Job hatten. Erst als wir akzeptierten, dass das mit unseren Berufen und derzeit so nicht mehr möglich ist, haben wir die damit einhergehende Flexibilität auch nutzen können.


    Ob wir beide damit auch Karriere machen können, wird sich erst noch zeigen. Bisher macht das nur mein Mann (im Eiltempo), ich dümpel ein bißchen vor mich hin, bin aber nicht unglücklich dabei. Aber unsere Prioritäten sind halt auch ein bißchen unterschiedlich und das darf auch so sein.


    Und wie es weiter geht, sehen wir dann.


    LG, Katinki


    mit J. (3/2008) und G. (1/2011)



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  • Äh ja, entschuldigt die Polemik. Die Erbse steht derzeit um halb sechs auf (Mamaaaa! fertig schlafen!!!), da bin ich spätabends zu einer ausgewogenen Weltsicht nicht mehr in der Lage...


    Ich neide halt den Lehrern, die ich kenne, die Planungssicherheit -- zu wissen, ich kann jederzeit in Elternzeit gehen und danach ist mein Job noch da und ich bin auch nach mehrjähriger Pause immernoch weitgehend ausreichend qualifiziert, um ihn auch zu machen; zu wissen, ich kann auch umziehen und finde wieder was (naja, außer die Zugrichtung geht von NRW nach Bayern). Natürlich ist der Job knochenhart, und mit Sicherheit nimmt man als Lehrer abends genausoviel mit heim wie in der Wissenschaft, nur vielleicht andere Sachen. Und letztendlich wollte ich ja auch nicht Lehrerin werden, Planungssicherheit ist demnach offensichtlich nicht alles. (Ich hab mich mal in einer schrägen "euer Gras ist viel grüner"-Diskussion mit einem Lehrer wiedergefunden, dem ich die volle Stelle und das Haus neidete, während er mir vorwarf, undankbar zu sein, weil ich die Chance mich selbst zu verwirklichen nicht genug wertschätze.)


    Das mit der Planung stößt glaube ich an mein Kernproblem: ich mag das auch nicht tun, ich mag *jetzt* das machen, was mir Spaß macht. Aber mir ist verschiedentlich gesagt worden, dass man mit dieser Einstellung, also ohne Strategie, ratzfatz rausfliegt aus dem System.

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  • #lol hysterisch kichert.
    #angst tschuldigung. aber ich glaube, du malst dir den beruf etwas zu schön. der ist alles andere als entlastend.


    Das eigentliche Problem ist, dass man max. innerhalb des eigenen Bundeslandes umziehen kann. Und ob man dann dort eine Stelle bekommt, wo man hinziehen will, ist auch noch fraglich. Einen Anspruch darauf hat man nicht.

    #post #post #post #post 5 #post #post #post #post 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 #post 21 22 23 #post       #post

  • Katinki, ihr habt beide karrieren und scheint euer Leben eben immer wieder neu zu ueberdenken und zu verhandeln, das ist doch auch ok so, sollte man aber eben auch vorher mit einbeziehen in die lebensplanung oder sich zumindest dessen bewusst sein. Ich faende es unheimlich stressig mit kindern mich mit monatsvertraegen jahrelang ueber Wasser zu halten, da waere ein Parnter mit festem Einkommen sicherlich gut, der da auch etwas Ruhe in die familie bringt.

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  • Ne, Monatsverträge gingen sicher nicht. Da hast du Recht!
    Wir sind beide mit Verträgen abgesichert, die mindestens 2 Jahre gehen und damit hat man schon eine gewisse Planungssicherheit. Und ohne die würden wir es auch nicht schaffen.


    Diesen Aspekt der Planung meine ich aber gar nicht. Sondern die Karriereplanung, die in den akademischen Arbeitsgebieten angeblich benötigt wird. Auslandsaufenthalte, bestimmt Tagungen und Kontakte, bestimmt Projekte und so weiter, die man unbedingt und zwar sofort, am besten gleichzeitig in seinem Lebenslauf haben muss, damit man erfolgreich Karriere machen kann. Ich werde echt oft gefragt, wie "mein Plan" denn so aussieht und das bringt mich regelmäßig in Verlegenheit. Ich habe keinen Plan. Außer meine Diss so lange zu schreiben, wie ich nach HRG auf meiner Stelle bleiben kann und möglichst viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. *g*
    Aber die Frage ärgert mich auch ein wenig. Denn sie suggeriert, dass man alles richtig machen muss, um eine erfolgreiche Karriere zu "leisten" und das halte ich für Unsinn. Ich kenne so viele Professoren oder PDs, oder Akademische Räte, die vollkommen verworrene Lebensläufe haben. Mit Schleifen und Umwegen, mit Phasen der Praxis und Phasen der unbezahlten Beurlaubung.
    Mein Eindruck ist, dass diejenigen am erfolgreichsten sind, die an ihrem Forschungsgebiet am meisten Interesse haben. Die quasi aus intrinsischer Motivation arbeiten. Und die sich auch nicht scheuen, ihr Arbeitsgebiet zu variieren, wenn es nicht mehr zu ihren Interessen passt.
    Und was hilft mir dann ein 10-Jahres-Plan, wenn es am wichtigsten ist, die Lust am Thema nicht zu verlieren?


    Den Gedanken, nicht alles auf einmal haben zu wollen finde ich sehr verlockend und mag gerne versuchen, ob mir das gelingen kann: Erstmal weiter auf halber Kraft und dann in einigen Jahren wieder mehr in die Karriere investieren. Mal sehen, ob das reicht. Und wenn nicht, dann mache ich halt was anderes! #wisch ;)


    LG, Katinki


    mit J. (3/2008) und G. (1/2011)



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  • Und wenn nicht, dann mache ich halt was anderes! #wisch ;)


    Pilotin?
    :D
    (Sorry, kleiner Insider zwischen Katinki und mir)



    Aber abgesehen davon, finde ich diese Geisteshaltung sehr sinnvoll und lobenswert. #ja

    "Über besorgte Bürger wusste er Bescheid. Wo auch immer se sich aufhielten: Sie sprachen immer die gleiche private Sprache in der "traditionelle Werte" und ähnliche Ausdrücke auf "jemanden lynchen" hinaus lief." Terry Pratchett: Die volle Wahrheit
    LG Bryn mit Svanhild (*01), Arfst (*02), Singefried (*09) und Isebrand (*12)

  • Katinki, das klingt doch gut. Und du hast recht - mein Eindruck ist ebenfalls, dass sehr viele Menschen verquere Lebenslaeufe haben und diese dann nur zum rechten zeitpunkt so hininterpretieren, dass es passt. ich erinnere mich an Profs zu doktorandenzeiten, die insistierten, dass sie selbst mal 1 Jahr Auszeit machen konnten waehrend der Doktorarbeit (surfen auf Hawaii, Malen in der Provence), aber heutzutage sei das unmoeglich.

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  • Das gemeine ist ja auch, dass man paradoxe Anforderungen gestellt kriegt: sei zielstrebig und plane, das aber in einem Umfeld, das seinerseits nicht bereit ist, dir mehr als zwölf Monate Sicherheit zuzugestehen. Also kann man ja letztendlich nur bei Brecht rauskommen -- "drum mach dir einen Plan und sei ein großes Licht, und mach dir einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht". Ich bin bislang ohne Plan auch wirklich gut gefahren (bin inzwischen in der dritten Fachdisziplin angekommen, weil das Thema, das mich interessiert, völlig zwischen allen Stühlen hängt), es ist immer was nachgekommen, und von hinten betrachtet kann man sogar so tun, als hätte das alles was miteinander zu tun gehabt (wie ja eigentlich bei den meisten -- einen Lebenslauf schreiben ist ja nichts anderes, als eine Reihe von Zufällen und voneinander unabhängigen Entscheidungen zu einer kohärenten Geschichte umzudichten).


    Aber in den Momenten, in denen das letzte aufhört und das nächste sich noch nicht abzeichnet, werde ich immer ziemlich unruhig. Und ich glaube schon, je mehr ich schon investiert habe (Diss, Umzug) und je mehr ich investieren muss (Kompromisse mit der Familie), um so mehr steigt die Unruhe.


    Davon ab, ich glaube die heutige Generation Profs hatte es schon objektiv leichter. Mich ärgert eher immer, dass sie das nicht anerkennen. Man schaue sich doch nur die Exzellenzinitiative an mit dem ganzen Nachwuchs, den sie produziert. Und dann wird in der Postdoc-Phase aussortiert, weil es da plötzlich keine Stellen mehr gibt. Damit sichert man sich die Lehre, weil zwei Jahre Lehrkraft für besondere Aufgaben macht noch jeder mit in der Hoffnung, dass dann was besseres kommt. Und dann entlässt man die Leute in die Wirtschaft, wo sie häufig dann schon überspezialisiert und mit Dr.-Titel zu teuer sind. Früher konnte man schon eher damit rechnen, dass man, wenn man liebt was man tut, auch in der Wissenschaft unterkommt, auch mit guter Aussicht auf C4.


    (Edit: ich hab grade mal nachgezählt: ich habe in meinen acht Jahren Uni bislang neun Arbeitsverträge abgeschlossen, also im Schnitt nicht mal Jahresverträge. Klar waren das häufig eher Formalia, aber ich kenne auch genug Geschichten, wo eine Anstellung im letzten Moment geplatzt ist, einmal sogar nach Umzug durch die Republik. Das ist einfach keine entspannte Grundhaltung, die man da einnehmen kann, jedenfalls geht sie mir zunehmend verloren.)

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    2 Mal editiert, zuletzt von Aomame ()

  • Ich unterschreibe bei Anomame.


    Vor einigen Jahren hatte ich eine Statistik gesehen, wie der Frauenanteil unter den Habils immer weiter zunimmt. Aber es wurden nicht weniger Habils von Männern. Die Zahl der Habilitationen übersteigt deutlich die zu frei werdenden Lehrstühle. Ich kenne einige Leute mit Habil, die seit Jahren versuchen, irgendwo unterzukommen und jedes Semester ohne Entlohnung ihre Pflichtveranstaltungen an der Uni anbieten. Wenn man Glück hat, bekommt man eine Vertretung - für ein Semester am anderen Ende Ds.


    (Gut, ich kenne auch das Gegenbeispiel einer Frau, die mit 35 einer der besten Professuren im Land bekam - die hatte aber keine Familie und zog jedes Jahr um, um sich immer weiter zu verbessern und plante schon im Studium sehr strategisch und hatte den einflussreichsten Prof im Fach im Rücken.)

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  • Ich finde es auch verwunderlich, dass so viele Leute VORHER so lange über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenken, dass sie die Zeit des Kinderkriegens bis zu einer nicht erreichbaren Situation aufschieben. Und irgendwann traurig feststellen, dass es das Ganze doch nicht wert war (weil Verzicht auf Familie natürlich keine GArantie für was auch immer ist).


    Ich bin glücklicherweise nicht wissenschaftlich tätig (wäre mir doch ein zu heißes Pflaster...), aber habe als Ärztin an der Uni in Vollzeizt auch nicht grade einen familienfreundlichen Job. Aber ich arbeite im Osten, habe einen verständnisvollen Chef mit vielen Kindern (bei dem natürlich die Frau auf dei Brut aufgepasst hat...) und habe mich auch irgendwie gut durchgewurschtelt. War viel Glück dabei, aber davon, meinen (eigentlich nie sehr drängenden) Kinderwunsch aufzuschieben, hätte ich gar nichts gehabt.


    Meine Schulfreundinnen im Süden der Republik haben ob der dort recht schwierigen Kinderbetreuung das KInderkriegen bis nach Studium und ersten Berufserfahrungen aufgeschoben und nun hat das alles nicht mehr so geklappt, wie sie es sich gewünscht haben (die männlichen Schulfraunde haben übrigens fast alle Kinder gezeugt, welche von den hausfraulich tätigen Ehefrauen versorgt werden - als ich hierhegekommen bin, habe ich den Osten gehasst, weils so weit weg von zu HAuse ist, aber seit ich KInder habe, liebe ich es hier!).



    Problematisch erscheint mir aber neben dem Zeitpunkt des Einstiegs in die Doppelbelastung der Zeitpunkt des Ausstiegs: mag ja sein, dass alles irgendwie klappt und flutscht, aber irgendwann steht man vor der Frage, ob man das Erreichte nicht alles einfach aufgibt, weil es zunehmend schwer fällt, die eigenen Intersssen, die der Kinder, und den Job so unter einen Hut zu bringen, wie man sich das vorstellt. UNd vielleicht immer mehr auch die beneidet, die sich VORHER GEdanken gemacht haben und eben nur ein Kind bekommen haben und nie einen GEdanken daran verschwendet haben, oswas wie KArriere zu machen.


    MIr geht es gerade so und es fällt mir echt schwer (als preußisch-protestantischer Streber) all das, was ich erreicht habe, mit einem langweiligen Halbtagsjob zu tauschen.


    Gut, dass mir jetzt Prinzesschen in den Schoß fällt, da habe ich ein wenig Muße, um den Klinikladen noch mal aus der Ferne zu betrachten und mir zu überlegen, was ich wirklich will, wenn das Erziehungsjahr (oder erstmals vielleicht auch -jahre?) rum ist.


    Aber irgendwie geht immer alles, am besten wahrscheinlich, wenn man die Dinge einfach treiben lässt,


    LG,
    Janos

  • Wir haben hier den klassischen Fall: Mann will wissenschaftliche Karriere machen (Naturwissenschafter), Frau ist Gymnasiallehrerin.


    Und was soll ich sagen: Es ist momentan alles zum Kotzen.


    Mein Mann hat jetzt rund 7 Jahre Postdoc hinter sich, die letzte Stelle (Stipendium für immerhin drei Jahre) war für ihn beruflich eine katastrophe, weil seine Chefin ihn null unterstützt und anscheinend auch noch schlecht über ihn redet. Inzwischen denkt er, er hätte früher da weg gehen sollen, aber mit Frau und drei Kindern (das Jüngste ein Schreibaby) war das einfach nicht drin.


    Jetzt sitzen wir da: Mann kein Job, Wohnung zu teuer, ich als Lehrerin in Teilzeit und befristet an einer Privatschule hier im Ort. Ich würde gerne hier bleiben, ich fühle mich total wohl hier, aber die Stadt ist so unglaublich beliebt, dass ich keine Chance sehe, hier in den Staatsdienst zu kommen. So einfach ist das nämlich nicht für die Lehrer: Die Städte, in denen die Unis sind, sind in der Regel die Städte, in denen alle arbeiten wollen. Und zu pendeln, wenn der Unterricht um 7.45 anfängt und man vorher noch Kinder in den Kindergarten bringen muss, ist auch schwierig (und als Wissenschaftlerfrau ist man teilweise alleine, ohne Konferenzen ist Wissenschaft nicht machbar).



    Ich denke mittlerweile, dass für eine wissenschaftliche Karriere einige Dinge entscheidend sind, die leider nicht alle beeinflussbar sind.


    1) Du brauchst viel Energie
    2) Du musst dir gezielt Leute suchen, für die du arbeitest, die dich weiterbringen können - und wollen (das ist einer der Punkte, die man leider nicht komplett voraussehen kann)
    3) Du brauchst jemanden, der dir den Rücken freihält, zumindest zeitweise (ich war insgesamt 5,5 Jahre in Elternzeit)
    4) Du musst fähig sein, dir ein gutes berufliches Netzwerk aufzubauen. Du musst dich verkaufen können.
    5) Und du brauchst unglaublich viel Glück.

    Mirjam mit Clown (2006) und Spaßvogel (2008) und Quatschkopf (2010)

  • Wir kennen persönlich eine Frau, die es wohl so richtig geschafft hat. 3 Kinder in 4 Jahren und Professur in einer Naturwissenschaft. Die Kinder kamen am Ende der Habilitation bzw. das letzte dann in der Professur. Dafür ist sie auch eine unglaublich energiereiche Frau, die eben 10 Tage nach Entbindung für Forschung durch D kutschiert. Das muss man halt wissen, ob man das leisten will/kann...

    Viele Grüße von Iffebim


    (auch beim Stillen und unterwegs mit Shift-Taste ausgestattet #nägel )

  • ich hab ja so einen tollen Mann mit unbefristeter Stelle im stino Brotjob. Und ganz ehrlich - ich hätte die Diss sonst kaum fertig gekriegt. Er hat in der Zeit vor und nach dem Stipendium durch den Verdienst einfach gewährleisten können, dass ich weiter machen konnte und hat zusätzlich zum Arbeiten die Kinder quasi fast ausschließlich betreut, vor allem in der stressigen Endphase.


    Ich finde es schwer, mit Familie in der Wissenschaft Karriere zu machen. Ich bin Geisteswissenschaftlerin und könnte tatsächlich irgendwo in Europa unterkommen, aber nicht da, wo ich bin, wo mein Freund arbeitet, wir mit den Kindern sozialisiert sind. Auf Pendelei hab ich keine Lust. Also mache ich weiter, freiberuflich auf dem zweiten Standbein, die ganze Diss über wohlweislich weiter gepflegt, was sich jetzt echt auszahlt.


    Aber: Die Verteidigung ist noch keine vier Monate her und die Wissenschaft fehlt mir schon gewaltig. Und: zwei Postdoc-Anträge wurden abgelehnt. Und die waren echt gut!


    Liebe Grüße


    Mauritia

  • wir haben hier den Fall: Mann Arzt und Inhaber einer Professur und Frau Ärztin und kommt im ganzen doch recht viel langsamer durch die Karriere durch, weil: beide können nicht gleichzeitig Karriere machen und Kinder kriegen. Die Promotion hab ich mit dem dritten 4-Monate alten Baby auf dem Arm gemacht, ist nicht super geworden aber gut. Jetzt mach ich noch nen PhD hintendran, da ist dann in der Zeit Nr. 4 auf die Welt gekommen und ich hab wieder früh angefangen zu arbeiten, einen Tag pro Woche bin ich auf der Arbeit, aber oft arbeite ich eben abends noch, ein bisschen Daten preprozessieren hier, ein bisschen Qualitätssicherung da usw.
    Jahrelang war das aber so wie viele schon beschrieben haben, da war ich diejenige, die den Rücken freigehalten hat, quasi alleinerziehend war, weil der Mann permanent verreist war, auf unterbezahlten Stellen rumgekrebst ist, weil ne volle Klinikstelle einfach nicht gepasst hätte ins Familienmodell usw.


    Und irgendwie leben und was von den Kindern haben will man ja auch noch.


    Jetzt arbeitet mein Mann hauptsächlich in der Klinik und weniger in der Forschung und plötzlich ist so viel Zeit und Platz für die Familie da, er ist so viel zuhause und ich merke, wie ich immer mehr Kapazität für meine Arbeit habe und freue mich :)

    LG Heike


    Der richtige Mensch ist nicht der, mit dem immer alles toll ist, sondern der, ohne den alles blöd ist.